Opulente Schau „Bildwelten“ in Basel

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Deutsche Presse-Agentur

Es waren vor fast genau einem Jahrhundert die Maler der europäischen Moderne von Derain bis Picasso, denen die „primitive Kunst“ aus Afrika und der Südsee neue Wege wies.

Eine urtümliche Kraft und eigene Magie war es, mit denen die fremdartigen Schnitzwerke später auch Expressionisten und Surrealisten in den Bann schlugen, der Kunst einen Ausweg aus erstarrtem europäischen Akademismus wiesen. Zu einem „Gipfeltreffen“ herausragender Kunstwerke dieser fernen Welten mit Meisterstücken der Malerei Europas lädt jetzt die Fondation Beyeler in Basel. Dabei treten Gemälde von Cézanne, van Gogh, Picasso, Kandinsky oder Mondrian in „Dialog“ mit Masken und Skulpturen aus Afrika oder imposanten Ahnenfiguren der Südsee.

Allerdings: Anders als eine aufsehenerregende Ausstellung 1984 in New York, die akribisch ganz aus der „weißen“ Perspektive dem „Primitivismus“ in der Kunst des 20. Jahrhunderts nachspürte, setzt „Bildwelten“ in Basel ausdrücklich auf den Eigenwert der hohen Kunst Ozeaniens, Afrikas und der Klassischen Moderne. Im Mittelpunkt stehe hier eben „die Erfahrbarkeit künstlerischer Kraft und Bildmacht“, erklärte Ausstellungskurator Oliver Wick das sehr persönliche Konzept der bis zum 24. Mai geöffneten außergewöhnlichen Schau. Rund 50 der wichtigsten öffentlichen und privaten Sammlungen haben insgesamt 180 ihrer besten afrikanischen und ozeanischen Stücke dazu beigesteuert, die in Einzelfällen auch Künstlern wie Picasso oder Arman gehört haben.

So ist es allemal die denkbar höchste Qualität der Kunst dreier Welten, die die Exponate miteinander verbindet und das „Zusammengehen unterschiedlicher Kunstformen“ (Kurator Wick) in den meisten Fällen nachvollziehbar macht. In den 13 Ausstellungssälen wurde aus jedem Kulturraum bewusst eine „skulpturale Übermacht“ inszeniert, der jeweils ein oder zwei Gemälde der Moderne gegenüberstehen.

Durch ihre schiere Größe von über sieben Metern beeindrucken gleich im Foyer der Fondation zwei reich beschnitzte riesige Geist- Krokodile als Boten der „Untenwelt“ aus Papua-Neuguinea, die mit einem ebenso imposanten Seerosen-Bild Claude Monets (um 1920) in ästhetischer Wirkung wetteifern. Bei Bestattungen verwendete Kultfiguren der Senufo im strengen Stil Südmalis treffen als ganz außergewöhnliche Gruppe auf ein verhaltenes Porträt, das Paul Cézanne um 1890 von seiner Frau malte. Doch vor raschen Rückschlüssen formaler Parallelen ist zu warnen: Während Madame die Hände entspannt im Schoß ruhen lässt und streng dreinschaut, bedeuten in Afrika die gleichen Gesten oft Fruchtbarkeit und die Bereitschaft zu schnellem Handeln.

Den Raum zum Zerbersten bringen die eisengespickten Nagel-Figuren aus dem Kongo auf ganz ähnliche Weise wie die beiden kubistisch zersplitterten Motive von Picasso und Braque (beide 1911). Matisse nutzt in seinen späten „Scherenschnitten“ die bildnerische Kraft durchbrochener Formen ebenso, wie es die uralten Ahnenfiguren vom Korewori-Fluss in Papua Neuguinea tun.

In denkbar größtem Kontrast verstärkt sich spürbar die optische Wirkung von zwei surreal flirrenden Fisch-Figuren Neuguineas und einer kargen „Rautenkomposition“ Piet Mondrians von 1938. Aber es fragt sich, ob allein die Vorliebe Joan Mirós für schrundige Mauern reicht, ihm die von Hirsebier-Opfern verkrusteten, hochabstrakten Uralt-Figuren der westafrikanischen Tellem und Dogon zur Seite zu stellen, die mit erhobenen Händen um Regen bitten. Ein wenig unvermittelt treffen sich auch Afrikas Masken - hochbedeutende wie weniger wichtige Exemplare - auf einem „Weizenfeld“ (1890) van Goghs.

Schlüssiger sind da Fernand Légers muskulöse „Akrobaten“ (1933), die mit der schieren Körperlichkeit bunt bemalter und kraftstrotzender uli-Figuren aus dem Totenkult Zentral-Neuirlands wetteifern. Da überzeugt auch eher der Federkopf des Kriegsgottes aus Hawaii, den der Entdecker James Cook 1780 nach Europa gebracht hat. Er findet sich in direkter Nachbarschaft von ebenfalls ganz auf die Farbwirkung setzenden Abstraktionen des Amerikaners Mark Rothko aus den 1960er Jahren: Beide Exponate möchte der Besucher gern - natürlich verbotenerweise - kurz mit der Hand streicheln und dabei im Fremdem das Vertraute, im Vertrauten das Fremde finden.

www.beyeler.com

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