Opatija versprüht die Leichtigkeit des Südens

Redakteurin

Gottfried Passauer, eine der Hauptfiguren in André Hellers „Buch vom Süden“, bedauert zutiefst, „dass man fortan von ihm auf den Wegen nach Abbazia und Fiume einen Pass verlangt“. Der im Heller-Roman stellvertretende Direktor des Naturhistorischen Museums in Schloss Schönbrunn zu Wien verpasst keine Gelegenheit, der österreichischen K.-u.-k.-Zeit und den damaligen Kronländern mit den Worten nachzutrauern: „Ihr habt die Zypressen der Monarchie nicht mehr gekannt. Geht und lebt, wenn irgend möglich, frohen Herzens bei den italienischen oder slowenischen. Alles ist leichter im Süden.“

Der einst österreichisch-ungarische Kurort Abbazia heißt heute Opatija (Fiume ist Rijeka) und liegt in Kroatien ganz oben an der Kvarner Bucht. Wer einmal dort weilte, versteht Passauers starke Sehnsucht. Gepflegte Parkanlagen, ein kleiner, malerischer Hafen, exklusive Seebäder, rund 120 zum größten Teil frisch renovierte Gründerzeitvillen und Residenzen sowie die zwölf Kilometer lange Franz-Joseph-Promenade direkt an der Küste vermitteln einen guten Eindruck, wie die Schönen und Reichen aus Wien und anderen Ecken des Habsburgerreichs dort einst ihre Sommerfrische verbracht oder die milden Winter genossen haben. Die Leichtigkeit des Südens spürt der Urlauber sehr schnell. Er muss sich nur einmal um die eigene Achse drehen – an seinem Auge ziehen dann nicht nur ein tiefblaues Meer mit grün bewaldeten Inseln sowie ein mit Palmen und Zypressen gesäumter Küstenstreifen vorbei, sondern auch Grandhotels im Zu-ckerbäckerstil und ein 10 000-Einwohner-Ort, dessen meist prunkvolle Gebäude sich wie filigrane Bauklötzchen sanft übereinander stapeln bis hinauf zum Ortsrand. Wer dann anschließend kurz die Augen schließt, kann sich bestens die edlen Damen in langen, weißen Sommerkleidchen und mit leichten Schirmchen in der Hand vorstellen sowie die stets korrekt gekleideten Herren im hellen Sommeranzug und natürlich immer mit Hut, die einst Arm in Arm durch diese kleine kroatische Küstenstadt flanierten.

Die meisten Villen sind frisch renoviert

Unter den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts hat auch Opatija sehr gelitten, doch in den vergangenen 20 Jahren wurde es wieder mächtig aufpoliert, zum größten Teil mit Geld ausländischer Investoren. Die meisten der Villen fungieren heute als Hotels und Pensionen. Nur wenige Privatleute können sich die prunkvollen Anwesen als Familien-Feriendomizile leisten.

Den besten Blick auf die großen und kleinen Paläste Opatijas hat man vom Wasser aus. Wer etwa im eleganten Vier-Sterne-Superior-Hotel Miramar logiert, dessen Villa Neptun – Herzstück des Resorts – zu den baulichen Highlights zählt und dem Sisi-Schloss Miramare nahe Triest nachempfunden ist, hat großes Glück. Denn Lili und ihr Mann Roni bieten exklusiv für das Hotel Entde-ckungsfahrten mit der liebevoll und bestens in Schuss gehaltenen Tornado Blue an. Ehemals wurden Sand und Kies auf das 1899 gebaute Schiff geladen, heute sind Touristen die Fracht, die während der Fahrt mit selbst gemachtem Schnaps, Wein und so mancher von Lili zubereiteter Leckerei verwöhnt werden. Im blau-weiß gestreiften Seemannskleid und in Netzstrümpfen („Heute bin ich Matrose und Fischer zugleich.“) empfängt Lili die Gäste bestens gelaunt an Bord, ihr Mann schippert vom Hafen aus erst mal Richtung Rijeka, bevor er wendet und Kurs auf Lovran nimmt. So können seine Passagiere alle Villen Opatijas, das sich etwa zehn Kilometer lang am Küs-tenstreifen ausbreitet, bestaunen. Lili kennt zu fast jedem Haus die passende Geschichte. Erzählt von der Villa Rosalie, die zwar liebevoll renoviert wurde, seit Jahren aber ein verlassenes Dasein in einem parkähnlichen Garten fristet. „Wirklich sehr schade um das schöne Haus.“ Vom Hotel Palace, erbaut im Stil des Neo-barocks. „Hier logierte Thronfolger Franz Ferdinand mehrmals.“. Vom Hotel Kvarner, dem vermutlich ältes-ten Hotel der adriatischen Ostküste, das heute noch ein Luxusquartier ist. „Die Preise für eine Übernachtung sind wirklich sehr hoch!“

Lili kennt alle Geschichten

Hinter vorgehaltener Hand berichtet Lili auch von der Villa Minach, in der der ungarische Graf Andrássy die letzten Tage seines Lebens als Politrebell verbrachte und wo ihn angeblich Kaiserin Elisabeth dreimal heimlich besucht haben soll. „Das stimmt aber vermutlich nicht, denn Sisi war wohl nie in Opatija. Aber die Touristen lieben solche Geschichten“, weiß Lili. Genauso wie die der Villa Madonna, die als Liebesnest für Sisis Ehemann Kaiser Franz Joseph und seine Geliebte, die Schauspielerin Katharina Schratt, gedient haben soll. Dezent weist Lili auf drei prächtige Häuser am Ortsende und sagt mit leiser Stimme: „Die gehören reichen Russen.“ Allgemein bekannt ist die Geschichte der Villa Angiolina in der Ortsmitte. Das von einem Geschäftsmann aus Rijeka 1845 errichtete Anwesen markiert den Beginn des Tourismus an der kroatischen Küste. Heute beherbergt der Bau das Tourismusmuseum.

Deutlich weniger Villen stehen in Lovran, dem Nachbarort Opatijas. Dafür besitzt dieses Dorf einen historischen Stadtkern. Die Tornado Blue legt hier an. Zeit für einen Bummel durch das kleine Städtchen mit seinen engen Gassen, alten Mauern, dunklen Toren und niedrigen Kirchlein. Auch hier kennt sich Lili bestens aus, nennt die meisten Bewohnerinnen der Altstadt Tante. „Das macht man hier einfach so“, klärt sie gänzlich unkompliziert auf und begrüßt schon die nächste Tante mit Küsschen auf beide Wangen. Während in Opatija dem schönen, noblen Leben gefrönt wird, geht es in Lovran deutlich familiärer zu. Wäsche hängt an den Leinen, die von Fenster zu Fenster gespannt sind, Blumen in bunten Töpfen verschönern so manchen Hauseingang und selbst der Souvenirhändler ist mehr an einem Gespräch denn an einem Geschäft interessiert. Touristen, die in den Appartements logieren, die in vielen der Altstadthäuser eingerichtet wurden, fühlen sich hier schnell heimisch und zugehörig.

Wer gut zu Fuß ist, verzichtet auf die Schiffsreise zurück nach Opatija und nimmt für den Nachhauseweg die Franz-Joseph-Promenade, den Lungomare, wie die Einheimischen sagen. So bietet sich noch einmal die Gelegenheit, rechts das tiefblaue Meer und links die prunkvollen Villen in ihren großen Gärten zu bestaunen. Und zwischendurch gibt es in einigen Strandbars die Gelegenheit zur Pause. Beim ersten Glas des hervorragenden kroatischen Weins stellt sich dann die Leichtigkeit des Südens von ganz alleine ein.

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