„Ohne Bilder keine Revolution“ - Künstler im Sudan

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Deutsche Presse-Agentur
Gioia Forster

Sie malten auf Mauern und Häuserwänden, unter Brücken und auf Straßen, auf den Schauplätzen der Revolution. Figuren, die Hände aus Protest in die Luft gestreckt. Gesichter, ihre Münder mit roter Farbe übermalt. Parolen, die Freiheit verlangen.

Wenn am Samstag die langersehnte Einigung zwischen dem Militär und der Opposition im Sudan unterzeichnet wird, gehören auch Khartums Graffiti-Künstler zu den Wegbereitern dieses wichtigen Etappensieges. Die Werke sudanesischer Künstler sind von den Massendemonstrationen der vergangenen Monate nicht wegzudenken. Sie bildeten die Kulisse der Sitzblockade in Khartum, die, wie der Tahrir-Platz damals während des Arabischen Frühlings in Kairo, zum Herz der Protestbewegung im Sudan wurde. Sie dokumentierten und befeuerten die Demonstrationen. Und sie schufen Darstellungen, die um die Welt gingen.

„Bei einer Revolution geht es um Bilder“, sagt der Künstler Galal Yousif. „Ohne Bilder gibt es keine Revolution.“

Seit Dezember gehen die Bürger Sudans auf die Straße, um einen Wandel zu fordern. Präsident Omar al-Baschir regierte das Land im Nordosten Afrikas 30 Jahre lang mit harter Hand: Oppositionsarbeit wurde eingeschränkt, die Zivilgesellschaft gedrosselt, Kritiker inhaftiert, gefoltert und getötet. Unter dem Druck der Massenproteste setzte das Militär dann im April den Staatschef ab. Doch die Menschen forderten eine zivile Regierung und protestierten weiter - auch, nachdem im Juni Sicherheitskräfte die Sitzblockade in der Hauptstadt Khartum gewaltsam aufgelöst und ein Massaker mit mehr als 100 Toten angerichtet hatten.

Ihre erste Wandmalerei schuf Alaa Satir am Tag vor Al-Baschirs Sturz. Es kostete sie große Überwindung, sie hatte zuvor noch nie etwas in der Öffentlichkeit gemalt. Die 29-Jährige suchte sich dafür einen Abschnitt an einer langen, noch leeren Mauer in der Nähe des zentralen Platzes der Sitzblockade aus. Satir malte eine Frau, weiß auf blauem Hintergrund, mit in die Luft gestreckter Hand, in dem für sie typischen comicartigen Stil. Das Werk erinnert an das berühmte Foto der Ikone der Protestbewegung, Alaa Salah, wie sie im weißen traditionellen Gewand von einem Autodach Parolen ruft. Neben ihr Bild schrieb Satir: „Frauen, bleibt standhaft, dies ist die Revolution der Frauen“.

„Wir Künstler hatten viel zu sagen“, erinnert sich Satir. Ihre Kunst habe sich bereits lange davor um soziale und politische Themen gedreht. Ihre Werke teilte sie vor allem in sozialen Medien. „Nun hatten wir endlich einen physischen Ort, an dem wir unsere Ideen zum Ausdruck bringen konnten.“ So sollte es aus ihrer Sicht auch sein: „Revolutions-Kunst muss auf der Straße sein. Denn die Kunst gehört nicht mir, nicht meinen Followern auf Instagram, sondern den Menschen.“

Für die Künstler waren die Bilder ihre Form des Widerstands. In den vielen Jahren der Herrschaft von Al-Baschir sei es fast unmöglich gewesen, im öffentlichen Raum Kunst zu gestalten. „Geschweige denn etwas, dass die Regierung in Frage stellt oder kritisiert“, sagt Satir. Doch im Zuge der Demonstrationen konnten sie ihren Widerstand öffentlich zum Ausdruck bringen. „Für mich war es besser zu malen, als zu protestieren. Denn das ist, was ich bieten kann“, sagt Yousif.

Der 33-Jährige malte rund um die Sitzblockade etliche Werke. Meist zeigten sie hagere Gestalten, oft in traditioneller sudanesischer Kleidung und mit roten Strichen über dem Mund - als Zeichen für die Zensur und Unterdrückung im Land. Eines seiner größten Gemälde findet sich unter einer Brücke. Es ähnelt Edvard Munchs „Der Schrei“: In die Länge gezogene Gesichter, die Hände über den Ohren, die Münder weit aufgerissen. Er sei kein politischer Künstler, meint Yousif. Doch er glaube, dass Künstler Spiegel der Gesellschaft seien. „Kunst ist die Stimme der Menschen.“

Als Sicherheitskräfte in den frühen Morgenstunden des 3. Juni die Sitzblockade mit Gewalt auflösten, auf Demonstranten schossen und Zelte niederbrannten, machten sie sich auch dran, die Kunstwerke zu übermalen. Wenige Tage später waren die Mauern in den Straßen der Sitzblockade weiß. Nur hier und da blitzen noch die bunten Farben und markanten Formen der Graffiti-Werke durch.

„Sie wussten, dass die Kunst Menschen ermutigen kann, mehr zu rebellieren“, sagt Satir. „Sie wollten so tun, als wäre die Sitzblockade nie gewesen, als wäre die Revolution nie gewesen.“

Nun haben sich das führende Militär und die zivile Opposition doch auf eine Kompromiss-Regierung einigen können, die den Weg für Wahlen in drei Jahren ebnen soll. Am Samstag soll das Abkommen unterschrieben werden. Legen die Künstler der Revolution nun ihre Pinsel nieder?

Noch lange nicht, meinen Satir und Yousif. Noch wurden viele Forderungen nicht erfüllt, etwa Gerechtigkeit für die Getöteten. Noch scheinen die Behörden die Stimmen der Demonstranten drosseln zu wollen - erst am Dienstag hatte ein Oppositionsbündnis die Militärführung dafür kritisiert, dass noch immer Kunstwerke in Khartum beseitigt würden. Und noch gibt es viel, für das man kämpfen müsse, sagt Satir, gerade als Frau. „Wir wehren uns nicht nur gegen ein politisches System, sondern auch gegen eine Gesellschaftsordnung, die immer gegen uns Frauen war.“

„Wer weiß“, sagt Yousif, „vielleicht gibt es irgendwann eine zweite Revolution“.

Alaa Satir auf Instagram

Galal Yousif auf Instagram

Mitteilung des Oppositionsbündnisses SPA zur Beseitigung von Wandmalereien

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