„Norman Atlantic“: Versagende Technik führte zum Unglück

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 Immer wieder aufflammende Brandherde verzögerten die Ermittlungen auf der havarierten Adriafähre „Norman Atlantic“.
Immer wieder aufflammende Brandherde verzögerten die Ermittlungen auf der havarierten Adriafähre „Norman Atlantic“. (Foto: afp)
Schwäbische Zeitung
Thomas Migge

Vor einem Monat wurden mindestens elf Menschen bei einem Feuer auf der Adriafähre „Norman Atlantic“ getötet. Noch sind viele Fragen offen – zum Beispiel, was Verkrustungen durch Meerestiere mit dem Unglück zu tun haben.

Sie brennt nicht mehr. Aus den Fenstern und Bullaugen strömen keine Dampfwolken mehr hinaus, die auf immer wieder aufflackernde Brandherde im Innern des Schiffes verweisen. Die „Norman Atlantic“, ein so genanntes „RoPax“-Schiff für Transporte und Passagiere, liegt im apulischen Hafen Brindisi vor Anker und wird seit einigen Tagen genauestens untersucht.

Am 28. Dezember havarierte das Fährschiff auf dem Weg vom griechischen Igoumenitsa nach Ancona in Italien. Von den 499 Personen an Bord, darunter 56 Besatzungsmitglieder, starben mindestens elf. Etwa 19 werden noch vermisst. Genaue Zahlen der Todesopfer gibt es nicht. Es wird sie wahrscheinlich auch nie geben, weil niemand weiß, wie viele blinde Passagiere an Bord waren. Illegale Einwanderer, die versucht hatten, nach Italien zu gelangen.

Gegen 3 Uhr früh brach auf einem der Decks Feuer aus. Dort, wo einige der etwa 222 Fahrzeuge standen. Vor allem Lastwagen, die Benzin und leicht brennbares Olivenöl geladen hatten. 33 Seemeilen vor der griechischen Küste sendete der Kapitän der „Norman Atlantic“ ein Notsignal. Extrem schlechtes Wetter und immer neue Brandherde machten die Rettungsaktion schwer.

Seit 2. Januar liegt die havarierte Fähre in Brindisi vor Anker. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Wie kam es zu dem Brand? Und wie viele Menschen starben tatsächlich? Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen.

Fest steht inzwischen, dass die Technik des Schiffes nicht einwandfrei funktionierte. Experten der Staatsanwaltschaft fanden heraus, dass die Feuerschutzanlage der Fähre versagte. Nach ersten Kontrollen besteht Grund zu der Vermutung, dass sich die am unteren Schiffsrumpf angebrachten Öffnungen, die im Fall von Feuer in Innenräumen Meerwasser einströmen lassen, um es als Löschwasser zu nutzen, nicht geöffnet haben. Weiterführende Untersuchungen müssen diesen Verdacht allerdings noch bestätigen.

Die Staatsanwaltschaft schließt nicht aus, dass diese Feuerlöschöffnungen aufgrund mangelnder Wartung unbrauchbar geworden waren. Bei den ersten von der Staatsanwaltschaft angeordneten Untersuchungen entdeckte man an den Öffnungen dieser Feuerlöscheingänge in das Schiffsinnere Verkrustungen, die von Meerestieren wie Muscheln herrühren.

Die Staatsanwälte Ettore Cardinali und Federico Perrone Capano sind davon überzeugt, dass die Feuer an Bord der Fähre relativ leicht hätten gelöscht werden können, wenn die vorhandenen Vorrichtungen einsatzfähig gewesen wären. Sicherlich habe man, so ihrer Vermutung, versucht, diese Vorrichtungen am 28. Dezember in Betrieb zu nehmen, was allerdings nicht gelang, da Muschelverkrustungen, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, „knochenhart sind“. Die Staatsanwälte wollen jetzt mithilfe von Meeresbiologen herausfinden, seit wann sich diese Verkrustungen am Schiffsrumpf befinden, um auf das mögliche Datum der letzten Überprüfungen durch den Schiffseigner zu schließen.

Blackbox soll Antworten liefern

Noch liegt die Auswertung der Blackbox der Fähre nicht vor. Sie wird Auskunft darüber geben, ob zu Beginn der Havarie Probleme bestanden, die Löschmaßnahmen umgehend in Betrieb zu nehmen.

Auch im Zusammenhang mit den Todesopfern des Unglücks, darunter zwei Deutsche, sind noch viele Fragen offen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Schiffseigner und auch gegen den Kapitän. Ihnen wird unterstellt, illegale Flüchtlinge an Bord genommen zu haben,und möglicherweise auch von Schleppern dafür geschmiert worden zu sein. Um wie viele Flüchtlinge es sich dabei handeln könnte, die unter Deck untergebracht waren – dort, wo die Tanklaster geparkt waren – ist immer noch vollkommen unklar. Offiziell werden 19 Personen vermisst.

Nicht ausgeschlossen, dass es mindestens doppelt so viele sein könnten.

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