Nick Caves „Ghosteen“: Die Trauer muss raus

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Nick Cave
Ambient und Transzendenz: Nick Cave. (Foto: Matt Thorne/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Werner Herpell

Wieder ist Herbst - und wieder erscheint ein leises Album von Nick Cave, zu dem man die Blätter fallen hört. Was der Indierock-Düstermann im September 2016 mit dem bewegenden „Skeleton Tree“ begann, setzt er nun auf „Ghosteen“ fort: Cave trauert öffentlich um seinen mit nur 15 Jahren bei einem Unfall gestorbenen Sohn Arthur.

Das vor drei Jahren erschienene Werk reduzierte Caves phänomenale Band The Bad Seeds auf Zuträgerarbeit - dennoch gilt es wegen der emotionalen Wucht von Caves Stimme und seiner herzzerreißenden Lieder als eines der glanzvollsten Meisterstücke des seit langem in Großbritannien lebenden Australiers. Die Konzerte nach „Skeleton Tree“ waren Messen der Schwermut, in denen sich der einst oft unnahbare Sänger ins Publikum begab, Hunderte Hände drückte, wildfremde Menschen umarmte.

Das am 4. Oktober zunächst nur digital erschienene „Ghosteen“ (auf CD und Vinyl am 8. November über Rough Trade) ist nun kaum weniger berührend - man erkennt Caves ehrliche Absicht, Schmerz und Fassungslosigkeit über den Verlust des eigenen Kindes zu zeigen und womöglich zu bewältigen. Doch die zweiteilige, in acht beziehungsweise drei Stücke unterteilte, fast 70-minütige Platte kann insgesamt nicht so überzeugen wie „Skeleton Tree“.

Das beginnt beim kitschigen, pastellfarbenen Cover mit allerlei Getier und einem (göttlichen?) Lichtstrahl, der bereits auf die sakralen Elemente der Musik hinweist. Diese entspricht dem New-Age-Eindruck: Viel Gewaber aus dem Synthesizer, Pianokaskaden, Choräle - darüber die gebrochene, klagende, teils ins ungewohnte Falsett übergehende Baritonstimme des Meisters, der seine Trauer gelegentlich auch in Spoken-Word-Stücken („Fireflies“) ausdrückt.

Rhythmus findet auf „Ghosteen“ praktisch nicht statt, die Bad Seeds haben - soweit hörbar - eher wenig zu tun. Dass diese Band unter der Leitung des genialen Klangzauberers Warren Ellis auch infernalisch rocken kann - man erinnert sich, muss dafür jedoch ein Weilchen zurückdenken. Schon auf dem gefeierten „Push The Sky Away“ (2013) war im Cave-Sound Altersmilde eingekehrt.

„Ghosteen“ ist natürlich keine schlechte Platte - man muss die elegische Stimmung zulassen, sich freiwillig in den Schmerzenssog begeben. Am schönsten - wenn auch kaum weniger mit Ambient-Gospel aufgeladen als die zehn Stücke davor - gelingt der 14-minütige Closer „Hollywood“ mit dem sonoren, bewusst monotonen Bass-Spiel von Martyn Casey. „I'm just waiting now/for peace to come“, barmt Cave dazu - man wünscht ihm allen Seelenfrieden der Welt.

Wie so oft lässt sich dieser enigmatische Songwriter wenig über sein Werk aus. „Die Lieder auf dem ersten Album sind die Kinder. Die Songs auf dem zweiten Album sind ihre Eltern. 'Ghosteen' ist eine wandernde Seele“, sagt der 62-Jährige über sein neues Konzeptwerk. Vielleicht kann Cave nun „loslassen“, da er Arthurs Tod als Vater und Künstler so intensiv zu verarbeiten versucht hat.

Website Nick Cave

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