Neben dem Pflaster wächst der Garten

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Prinzessinnengarten
Prinzessinnengarten
Schwäbische Zeitung

Berlin (dpa) - Die Kartoffel wächst im Reissack. Und zwar prächtig - umtost von Bussen, Autos, Baufahrzeugen in Berlin-Kreuzberg. Gärtnern in der Großstadt:

Auf einer früher zugemüllten Brache direkt am U-Bahnhof Moritzplatz haben sich Kürbis, Tomaten, französischer Estragon, nordafrikanische Bohnen und Thymian breitgemacht. In den Prinzessinnengärten gedeihen die Pflanzen auf rund 6000 Quadratmetern in Säcken, Körben oder Tetrapacks. In einer Ecke haben Imker ihre Bienenhäuschen platziert. „Wir verstehen uns als soziales und ökologisches Projekt. Und wir bauen Gemüse in Bioqualität an“, sagt Marco Clausen, einer der beiden Initiatoren.

Es ist die erste richtige Saison auf der städtischen Fläche, wo auch Bänke und Tische zu Plausch im Gartencafé einladen. Anfang Juni 2009 lagen hier noch alte Bettgestelle, Scherben, Reifen und Batterien. Auf dem Boden wäre wenig gewachsen. Heute steckt in den mobilen Pflanzbehältern fruchtbare Erde. Der studierte Historiker Clausen hat zusammen mit Robert Shaw, einem Dokumentarfilmer, die gemeinnützige GmbH Nomadisch Grün auf die Beine gestellt.

In Havanna habe er gesehen, wie die Kubaner in allen möglichen Behältern Gemüse heranzogen, beschreibt Shaw die Idee. Bekannt und erfolgreich seien auch die städtischen Gärten in New York. Nun fasst die urbane Landwirtschaft in Berlin Fuß. Jetzt haben die Macher noch einen ausgemusterten Übersee-Container besorgt, in dem künftig für Besucher gekocht werden soll. Bei einem Kartoffelfest werden hier die Knollen aus 500 Säcken in Pfannen und Töpfe kommen.

„Es riecht so gut hier“, sagt die siebenjährige Nasan. Sie wohnt in der Nähe und besucht mit ihrem Onkel den Stadtgarten, der nur spätabends abgeschlossen wird. Ausländische Architekturstudenten radeln heran. „Very impressed“ zeigt sich Emma aus Australien über das grüne Projekt neben dem eher tristen Platz.

„Hier kommen immer Leute her“, freut sich Clausen. Gerade Anwohner in dem sozial schwachen Kiez sollten einbezogen werden. Das scheint Früchte zu tragen. Mütter bringen vorgezogene Paprika aus Anatolien vorbei, Eugenia aus Sibirien hat robuste Tomatensamen aus ihrer Heimat spendiert und auch schon Kurse zum Einkochen geleitet. Frauen vom arabisch-türkischen Umweltzentrum setzen Mini-Kräuter in die Erde. „Es ist schön hier“, sagt die 36-jährige Lacin. Sie wisse durch die Arbeit jetzt, wie die Gewürze auf Deutsch heißen.

Der Verkauf von Pflanzen, Ölen und Honig trägt zur Finanzierung der Kreuzberger Oase bei. Auch Stiftungen und Unternehmen machen Geld für den Gemeinschaftsgarten locker, es gibt Uni-Kooperationen. Im Winter werde viel Zeit für das Schreiben von Anträgen draufgehen, befürchtet Clausen. „Wir zahlen jeden Monat 2300 Euro dafür, dass wir kommunale Aufgaben übernehmen.“ Dabei könnte die Stadt hier zeigen, dass sie an soziologischen und ökologischen Impulsen interessiert ist.

Ohne ehrenamtliches Engagement würde der mobile Gemüseacker nicht funktionieren, wissen die Initiatoren. Einer der Freiwilligen - darunter Werbetexter, Erzieherin und Ingenieur - ist der 31 Jahre alte Bennar. „Ich bin jeden Tag hier. Ich liebe es, draußen zu arbeiten.“ Der gelernte Pflanzenbauer ist der Herr der Kartoffeln. Jeder könne sich beteiligen, ohne gleich das ganze Jahr über feste Aufgaben übernehmen zu müssen, sagt Clausen. „Das ist unser Anliegen - dass hier Leute zusammenkommen, die sich sonst nie treffen würden.“

Die Gärtner vom Moritzplatz wissen, dass sie den früheren Parkplatz nur als „Zwischennutzung“ vom Liegenschaftsfonds bekommen haben. „Wenn das hier vermarktet wird, müssen wir weg“, sagt Clausen. Doch das macht ihm keine Kopfschmerzen. „Wenn der Tag X kommt, ziehen wir weiter - mit allen Säcken, Kisten und Körben.“

www.prinzessinnengarten.net

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