Musik und Besinnung bei Ruhrtriennale

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Deutsche Presse-Agentur

Als Opernmann freut er sich auf Chöre und kräftigen Orchesterklang bei der Ruhrtriennale, als praktizierender Buddhist will er den Besuchern mit seinem Programm in der Wirtschaftskrise neue Wege weisen.

Der Kölner Regisseur Willy Decker hat 2009 die dreijährige Intendanz für das renommierte Theater- und Opernfestival an der Ruhr angetreten. Er setzt kräftige Akzente zugunsten von mehr Musiktheater und einer neuen Spiritualität: „Krisenzeiten sind oft Hochzeiten der Kunst; sie zeigt uns die Welt hinter dem Panzer des Materiellen.“ Ende April will der 58-Jährige sein Programm vorstellen, im August fangen die Vorführungen an.

Seinen Tag beginnt Willy Decker gegen 7 Uhr mit einer Stunde Meditation. Zu den Übungen zählt, alles langsam und leise zu machen, wie er erzählt. Beim Frühstück gleichzeitig Zeitung zu lesen und womöglich noch zu telefonieren, hat er sich abgewöhnt. „Wenn Sie konzentriert essen, schmeckt es besser“, sagt er. Konzentriert, im Dialog und zugleich beharrlich arbeitet Decker als Regisseur: „Ich komme da ohne Machtmittel aus.“ Mit diesem Arbeitsstil will er auch die Ruhrtriennale führen, die mit einem 13-Millionen-Euro-Jahresetat zu den bundesweit renommiertesten Festivals zählt.

Als Rahmenthema für die drei Jahre hat Decker die Weltreligionen vorgegeben: 2009 das Judentum, 2010 im Kulturhauptstadtjahr den Islam und 2011 den Buddhismus. Er selbst arbeitet für das Eröffnungsjahr an der Inszenierung einer großen Musiktheaterproduktion mit einem Chor von bis zu 120 Sängern. „In Hallen wie der Bochumer Jahrhunderthalle brauchen sie große Ereignisse. Das Sprechtheater gerät an Grenzen, die eigentliche Auslastung liegt da im großen Musiktheater.“

Als eine Symbolfigur für sein Triennale-Konzept sieht Decker den biblischen Moses, der nach der Begegnung mit Gott im brennenden Dornbusch nach Worten sucht, sein rauschhaftes Erlebnis zu beschreiben und verstehen. „Die Suche nach dem Wort“ ist für den Intendanten ein heimliches Motto seiner drei Jahre - Theater und Oper sollen den Triennale-Besuchern auf diesem Weg in die Welt hinter dem Alltag helfen. „Zur großen Kunst gehört, das eigene Ich loszulassen. Aus wirklich guten Stücken komme ich immer raus und denke: Du musst Dein Leben ändern.“

Decker selbst hat das schon einmal abrupt getan: Mit 19 legte er nach dem Geigenstudium in Köln und kurz vor der Konzertreife das Instrument aus der Hand, weil ihn philosophische Fragen mehr interessierten. Bei seinem anschließenden Germanistik-, Philosophie- und Musikwissenschaftsstudium landete er aber sehr bald im Hochschulchor, sang dem berühmten Bariton Josef Metternich an der Kölner Musikhochschule vor und studierte bei ihm nebenbei jahrelang Gesang. Als Regisseur hat er dann das Entwickeln von Konzepten und die Musik verbunden - er selbst nimmt aber die Geige nicht mehr in die Hand. „Wenn Sie einmal auf dem Niveau waren, ist das schwierig. Ich hab keine Lust, jetzt Hausmusik und Telemann zu machen.“

Für seine Aufgabe im Ruhrgebiet ist der überzeugte Kölner auch umgezogen. Noch wohnt er in Gelsenkirchen und schaut sich gerade in Essen nach einer Bleibe um. Dort hatte er Anfang der 70er Jahre als Regieassistent an den städtischen Bühnen seine Karriere begonnen. „Die Leute sind direkt, herzlich und klar - und die Strukturkrise ist hier zugespitzt“, sagt er. „Hier ist der freie Fall ein Thema.“ Genau deshalb will er seine Regieideen im Ruhrgebiet entwickeln. Bei einem anderen Teil seiner Tätigkeit hilft Decker das Umfeld allerdings weniger: Trotz intensiver Suche findet das Festival im von der Krise gebeutelten Ruhrgebiet bisher keinen Hauptsponsor, nachdem der Essener Evonik-Konzern abgesprungen war: „Ich habe viele gute Gespräche, aber am Ende kommt meistens Null raus.“

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