Minnesota Orchestra auf Deutschland-Tournee

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Deutsche Presse-Agentur

Sie gehören nicht zu den „Big Five“, der Gruppe der fünf großen amerikanischen Orchester - und dennoch steht das Minnesota Orchestra heute mit an der Spitze der US-Klassikliga.

Seitdem 2003 der Finne Osmo Vänskä als Chefdirigent in Amerikas Nordwesten zog, hat sich das vor mehr als hundert Jahren von deutschen und skandinavischen Einwanderern gegründete Ensemble aus Minneapolis zu den besten Symphonikern weltweit gemausert. Ende Februar geht das Orchester auf Europa-Tournee, darunter zu fünf Konzerten nach Deutschland, sowie London, Luxemburg und Wien. „Wir wollen zeigen, wo wir stehen“, sagt Vänskä der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Auf dem Programm der Konzerte in Berlin (25. Februar), Köln (26.), Düsseldorf (27.), Stuttgart (28.) und Frankfurt/Main (2. März) stehen John Adams' furioses „Slonimsky's Earbox“, Samuel Barbers Violinkonzert mit dem Solisten Joshua Bell sowie die Beethoven-Sinfonien 2, 3 und 5.

Vor allem mit der Aufnahme sämtlicher Beethoven-Sinfonien sorgen Vänskä und die Musiker aus Minnesota zur Zeit für Furore. Die Serie, die bei der kleinen schwedischen Plattenfirma Bis erschienen ist, wurde von der Kritik als eine der besten der rund 100 Einspielungen gelobt, die es von den Beethoven-Sinfonien auf dem Markt gibt. „Wie ein Feuerball aus dem Himmel“, beschrieb das britische Fachblatt „Grammophone“ Vänskäs Version der Neunten.

Dabei war der heute 55-Jährige ein Spätstarter. Vänskäs Karriere spielte sich zunächst in Finnland ab, wo er als Solo-Klarinettist im Sinfonieorchester von Helsinki begann. Doch das wurde ihm auf Dauer zu wenig und er sattelte auf die Dirigentenlaufbahn um. Gleich nach seiner Ausbildung schaffte er eine Sensation. Das kleine städtische Orchester von Lahti trimmte er zu einem der renommiertesten Orchester Skandinaviens.

Der internationale Durchbruch ließ auf sich warten. Vänska musste zusehen, wie jüngere Studienkollegen wie etwa Esa-Pekka Salonen oder Jukka-Pekka Saraste an ihm vorbeizogen. „Bei mir läutete das Telefon nicht“, sagt der Dirigent. „Die Wartezeit hat mir aber die Chance gegeben, mich in die Musik zu vertiefen. Das war im Nachhinein das Beste für meine Karriere“. Nach einer Station in Schottland kam 2006 der Ruf aus Minnesota. Fachleute rümpften die Nase über die Ernennung des Finnen. Zu jung, zu unerfahren, lauteten die Bedenken.

Dabei hat das Orchester immer wieder europäische Dirigenten in die Stadt gelockt. Für das Minneapolis Symphony Orchestra, wie es sich bis 1968 nannte, gingen Kapellmeister aus „Old Europe“ in das einstige Sioux-Territorium an der Grenze zu Kanada, wo im Winter Polartemperaturen bis minus 25 Grad herrschen. Eugene Ormandy dirigierte in Minneapolis bevor er in Philadelphia seine Weltkarriere begann, Dmitri Mitropoulos machte sieben Jahre Station am Oberlauf des Mississippi und ging anschließend als Nachfolger von Bruno Walternach New York.

Wie die Konkurrenz der großen Orchester aus New York, Philadelphia, Cleveland, Boston und Chicago muss das Minnesota Orchestra mit seinen 90 Musikern den Löwenanteil ihres Einkommens von Privatleuten und Firmen einwerben. Der Etat von 31 Millionen US-Dollar (23 Mio. Euro) stammt jeweils zu einem Drittel aus Stiftungskapital, Spenden und Ticketverkauf, wie Generaldirektor Michael Henson sagt.

Vänskä fasste schnell Fuß in den Zwillingsstädten Minneapolis-St. Paul. Auch ließ er sich für die Sponsorenwerbung einspannen. „Da ich jeden Tag essen muss, macht es mir nichts aus, es mit interessanten Leuten zu tun“, sagt er pragmatisch. „Ich hoffe, dass die Politiker und die Unternehmen verstehen, dass wir in der jetzigen Finanzkrise nicht in die Börse oder in die Bank gehen, sondern in Konzerte und Museen. Dort können wir unseren menschlichen Sehnsüchten nachgehen“, sagt Vänskä.

Anders als sein Vorgänger, der Japaner Eiji Oue, gilt Vänska als Perfektionist, wie in seinem Beethoven-Zyklus hörbar wird. Auch er kultiviert den traditionell satten Sound amerikanischer Orchester, lässt sich aber auf einen Disput über historisch korrekte Interpretation nicht ein. „Auf jeden Fall kann es nicht schaden, wenn der Dirigent zunächst einmal sich an die Partitur hält.“ So beginnt der Finne jetzt mit der Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien und denkt auch über eine Vertragsverlängerung nach - über das Jahr 2011 hinaus. „Die Sehnsucht, ein großes europäisches Orchester zu leiten, hat mich noch nicht gepackt.“

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