Menschen, Tiere, Traditionen: 100 Jahre Circus Krone

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Patrik Stäbler

Nase an Rüssel stehen Jana Mandana Lacey-Krone und Bara in der Manege – hier die grazile Frau im blauen Dirndl, dort die graue Elefantendame, so schwer wie drei Autos. Ein leiser Ruf, ein Tätscheln auf die faltige Haut, und schon schlingt das Tier seinen Rüssel um den Menschenkörper. Im nächsten Moment sitzt die Zirkusfrau oben auf dem Elefanten, schlägt die Beine übereinander und winkt ins Publikum, wo die Jüngeren mit offenem Mund zu ihr hinaufstaunen und die Älteren mit gezücktem Smartphone Erinnerungsfotos schießen.

Die strahlende Zirkusdirektorin, die auf dem Elefantenrüssel thront – es ist das symbolträchtigste Bild, das nach zweieinhalb Stunden im Circus Krone von dieser Vorstellung hängen bleibt. Sie nennt sich heuer Jubiläumsprogramm, da der Zirkus vor 100 Jahren seinen festen Kronebau in München bezogen hat – an der Marsstraße, wo heute noch der 1962 errichtete Nachfolgebau mit 3000 Sitzplätzen steht. Die Tribünen sind auch an diesem Nachmittag gut gefüllt, während Bara eine letzte Runde durch die Manege stapft. Seit Anbeginn des Circus Krone ist der Elefant das Wappentier des Familienunternehmens; seine Haltung im Zirkus ist so umstritten wie bei kaum einem anderen Tier – doch dazu später. Und oben auf dem Rüssel sitzt nun also Jana Mandana Lacey-Krone, die Direktorin und das Gesicht von Europas größtem Zirkus.

Aufgewachsen im Krone-Reich

Drei Jahre alt ist die kleine Jana Mandana – der zweite Vorname geht auf eine iranische Oma zurück – bei ihrem ersten Auftritt im Circus Krone Anfang der 1980er-Jahre. Auf einem Shetlandpony reitet das Mädchen durch die Manege – unter den Augen von Christel Sembach-Krone, der Grande Dame des Zirkus und Enkelin von dessen Gründer Carl Krone. Jana Mandana heißt damals noch Pilz mit Nachnamen; ihre Eltern stammen aus der Schweiz, sind große Zirkusfans und freunden sich mit Christel Sembach-Krone an. Das Mädchen verbringt bald jede freie Minute im Krone-Reich, dessen Chefin sie liebevoll „Mapa“ nennt – eine Mischung aus Mama und Papa. Im Jahr 2001 adoptiert die kinderlose Christel Sembach-Krone die damals 22-Jährige mit dem Einverständnis ihrer Eltern. Als die Direktorin 2017 stirbt, tritt Jana Mandana Lacey-Krone ihre Nachfolge an der Spitze des Zirkus‘ an.

Was sich seither für sie verändert hat? „Die Verantwortung ist größer geworden, seit Frau Sembach nicht mehr da ist. Sie war wie ein Netz, das vieles aufgefangen hat“, sagt Jana Mandana Lacey-Krone an einem Februarvormittag, einige Wochen vor ihrem Auftritt mit Bara in der Manege. Die 39-Jährige und ihr Ehemann Martin Lacey junior (41) – der Engländer ist Dompteur – haben an diesem Tag Reporter und Fotografen in den Kronebau geladen, um vorab das dritte und letzte Jubiläumsprogramm vorzustellen, ehe der Zirkus ab April auf Tour geht. Für die beiden sind solche Termine Routine; geduldig, stets freundlich und mit einem nie endenden Lächeln beantworten sie Fragen und posieren für Fotos.

„Mir geht’s nur um die Tiere“

„Eigentlich“, sagt sie später, seien der ganze Rummel, die glitzernden Outfits und die pompöse Show „gar nicht so meine Sache“. Es ist dies ein Satz, den man nur schwerlich mit der glamourösen Zirkusprinzessin zusammenbringt, in deren Rolle Jana Mandana Lacey-Krone bei Hunderten Vorstellungen pro Jahr in der Manege schlüpft. Und doch sagt die 39-Jährige mit ihrer rauchigen Stimme, bei der man schon genau hinhören muss, um die Schweizer Herkunft zu erlauschen: „Mir geht‘s nur um die Tiere. Ein Leben ohne Tiere könnte ich mir nicht vorstellen.“

Ebenso unvorstellbar sei für sie ein Zirkus ohne Tiere, ergänzt die Direktorin – wohl wissend, dass dieser Satz, würde man ihn in einem sozialen Netzwerk posten, eine Flut von wütenden Kommentaren nach sich zöge. Denn für viele Menschen gehören Tiere nicht in die Manege; dazu kommen im Fall des Circus Krone die seit Jahrzehnten andauernden Vorwürfe wegen nicht artgerechter Tierhaltung.

Zuletzt flammte die Kritik im vergangenen Sommer auf, als bei einer Show in Osnabrück ein Elefant von seinen Artgenossen in die Zuschauerloge geschubst wurde. Ein Mann zog sich bei dem Vorfall leichte Verletzungen zu; die Tierrechtsorganisation Peta kommentierte: „Eingesperrte, herumgekarrte und mit roher Gewalt zu Kunststücken gezwungene Wildtiere sind tickende Zeitbomben. Kein Wunder, bei all den psychischen und physischen Qualen, die sie erleiden müssen.“

Jubiläumsshow mit Clowns, Artisten - und Elefanten

Infolge der anhaltenden Kritik hat etwa der Circus Roncalli im Vorjahr auch seine letzte Tiernummer aus dem Programm verbannt. „Aber die haben ja auch ein ganz anderes Konzept als wir“, sagt Jana Mandana Lacey-Krone, die betont: „Wir sind, wer wir sind, durch die Tiere.“ Und diese würden im Circus Krone ein gutes Leben führen. „Es ist doch nur in unserem eigenen Interesse, dass es den Tieren gutgeht“, sagt die Direktorin. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie viel unternommen, um die Anschuldigungen zu entkräften. So findet sich auf der Webseite eine 16-seitige Broschüre zum Thema Tierschutz; überdies veranstaltet der Zirkus öffentliche Proben und bietet Führungen zu den Gehegen und Stallungen an. Allein in der Manege wolle sie das Thema nicht ansprechen, sagt Lacey-Krone: „Belehrungen gehören da nicht hin. Die Besucher kommen zu uns, um sich zweieinhalb Stunden verzaubern zu lassen.“

Bei der Jubiläumsshow sind es viele ganz Junge und viele ganz Alte, die gemeinsam über die Clowns lachen, die Artisten bestaunen und die Tiere bewundern. „Ich habe neulich bei einer Vorstellung einen 82-Jährigen getroffen, der mir erzählt hat, dass er schon als Kind im Circus Krone war – und dass er jetzt mit seinem Urenkel kommt“, sagt Jana Mandana Lacey-Krone auf die Frage, wie sie sich den Zirkus der Zukunft vorstellt. „Wir werden uns natürlich weiter entwickeln, aber wir wollen bodenständig bleiben.“

Außer natürlich, wenn Bara mit ihrem Rüssel zupackt – dann ist Abheben erlaubt.

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