„Man on Wire“: Atemberaubender Drahtseilakt

Lesedauer: 6 Min
Deutsche Presse-Agentur

Für die einen war er ein Lebensmüder, für die anderen beging er „das künstlerische Verbrechen“ des 20. Jahrhunderts.

Als der französische Hochseilartist Philippe Petit am 7. August 1974 ungesichert auf einem ein Zoll starken Stahlseil zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Centers in New York hin und her balancierte, stockte den Menschen, die 417 Meter unter ihm gen Himmel schauten, der Atem. Später wurde der damals 24-Jährige in Handschellen durch eine Menge von Schaulustigen abgeführt und von Journalisten gefragt, warum er diesen illegalen Drahtseilakt gewagt hatte. „Es gibt kein Warum“, antwortete er kühl.

Mehr als 30 Jahre nach dem „Coup“ - wie Petit seinen schwindelerregenden Ausflug nennt - versucht der britische Regisseur James Marsh, mit seinem Dokumentarfilm „Man on Wire“ die Frage nach dem Warum zu ergründen. Er lässt den Seiltänzer und seine Komplizen die Geschichte erzählen und baut dabei einen Spannungsbogen wie in einem Thriller auf.

Unterlegt hat Marsh die Erzählungen seiner Protagonisten mit Originalfotos und Filmaufnahmen, auch von Petits Kunststücken zwischen den Türmen von Notre Dame in Paris 1971 und den Pfeilern der Harbour Bridge in Sydney 1973. Der „Coup“ selbst wird in Schwarzweiß-Bildern erzählt zu Musik des britischen Komponisten Michael Nyman („Das Piano“), die oft eine wohltuend beruhigende Wirkung hat. Petit probt seine Drahtseilakte ausschließlich zu Nymans Stücken.

Petit ist noch immer wie ein rastloser Abenteurer, ein furchtloser Fantast, besessen vom unwiderstehlichen Reiz des Risikos. Seine dramatischen Schilderungen sind fesselnd, wirken aber auch beängstigend. „Ich habe den Verstand eines Kriminellen“, erklärt er Marsh bei dessen erstem Besuch. Und tatsächlich hat er diesen Drahtseilakt geplant wie das perfekte Verbrechen: Im Wartezimmer seines Zahnarztes entdeckt er einen Artikel über den Bau der damals höchsten Gebäude der Welt. Er beschließt, sie eines Tages zu bezwingen und macht diesen Plan zu seinem Lebenswerk. „Es war, als ob sie diese Türme extra für ihn gebaut hätten“, erinnert sich seine damalige Freundin Annie.

Sequenzen aus Petits Leben vor dem Coup unterbricht Marsh immer wieder mit Bildern vom Bau jener Türme, die 30 Jahre später wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen werden. Verkleidet als Bauarbeiter und mit gefälschten Ausweisen, schleichen sich Petit und seine Helfer am Abend des 6. August 1974 in das World Trade Center - zwei steigen auf den Nordturm, zwei auf den Südturm. Mit Pfeil und Bogen schießen sie zunächst eine Angelschnur aufs andere Dach, ziehen dann immer stärkere Stricke auf die andere Seite, bis schließlich das schwere Stahlseil hinüber muss.

Als der Moment der Entscheidung kommt, sind die Beteiligten wie gelähmt. Petit erstarrt in Todesangst, aber: „Etwas, dem ich nicht widerstehen konnte, lockte mich auf das Seil.“ Mit jedem Schritt wird er sicherer. „Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte. Er war sehr angespannt und plötzlich war da Erleichterung. Ich wusste, er ist sicher“, erzählt sein Helfer Jean-Louis, dem bei der Erinnerung an jene Momente heute noch die Tränen kommen.

Philippe Petit genießt seinen Triumph in vollen Zügen. Angesichts zahlreicher Sympathisanten - selbst von den Polizisten schlägt ihm Bewunderung entgegen - werden alle Anklagepunkte fallengelassen. Die Sicherheitsbehörden löchern den waghalsigen Franzosen dafür mit Fragen, wie er unbemerkt in die Gebäude eindringen konnte. Zum Dank erhält er später eine Dauerkarte für die Aussichtsplattform der Zwillingstürme.

„Wenn ich sterbe, was für ein Tod! Zu sterben beim Ausleben seiner Leidenschaft“, sagt Petit im Film. „Für mich ist es einfach so, dass das Leben am Abgrund des Lebens gelebt werden muss.“ Für die Menschen um ihn herum war es das nicht. Am Kunstwerk seines Lebens zerbrechen Freundschaften: zu Jean-Louis, zu Annie. Sie hegt heute keinen Groll: „Er war durch einen unglaublichen Moment gegangen und startete ein neues Leben. Seltsamerweise fühlte ich dasselbe. Unsere Beziehung war hier zu Ende. Und es war schön auf diese Weise.“

James Marsh hat für seinen faszinierenden Film bereits zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst: die Publikumspreise bei den Filmfesten in Edinburgh und Los Angeles, den Grand Jury Prize und den Publikumspreis beim Sundance Filmfest und die Auszeichnung als bester Dokumentarfilm in Karlovy Vary. Er wird auch als heißer Kandidat für einen Oscar gehandelt.

www.manonwire.de

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen