Münze rein, Musik raus: Die Jukebox wird 130

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Deutsche Presse-Agentur
Barbara Munker

Der Sound war kratzig, es rauschte und krächzte, aber der Holzkasten spuckte tatsächlich Töne aus. Die Gäste im „Palais Royal Saloon“ in San Francisco wurden vor 130 Jahren Augen- und Ohrenzeugen der ersten Musikbox.

Vier Schläuche ragten aus dem Gerät heraus, über diese stethoskopähnlichen Kopfhörer konnten gleichzeitig vier Leute mitlauschen.

Das historische Ereignis am 23. November 1889 kostete einen Nickel, also fünf Cent pro Person. Der Erfinder und Geschäftsmann Louis T. Glass stellte seinen „Nickel-in-den-Schlitz-Spieler“ vor, den er unter dem Namen „Coin-Actuated Attachment for Phonographs“ patentierte.

Thomas A. Edison hatte wenige Jahre zuvor den Phonograph zur Aufnahme von Musik oder Stimmen erfunden. Das Gerät speicherte den Schall auf Walzen aus Wachs - die Schallplatte war damals noch nicht verbreitet. Glass fügte Kiste, Kopfhörer und den Münzschlitz hinzu - eine Geschäftsidee war geboren. Der englische Begriff Jukebox kam allerdings erst später. „Juke“

bedeutete umgangssprachlich Klimper- oder Spelunkenmusik.

Den „Palais Royal Saloon“ an der alten Adresse Sutter Street Nr. 303 in San Francisco gibt es längst nicht mehr. Heute steht dort ein 1907 gebautes Jugendstilhaus im Schatten von Wolkenkratzern. Auch von der ersten Musikbox mit Münzeinwurf ist kein Exemplar mehr übrig, erzählt der Historiker Allen Koenigsberg der Deutschen Presse-Agentur. Seit den 1960er Jahren geht er der Phonograph-Geschichte nach.

„Glass fertigte 15 Geräte an, stellte sie in Bars, Restaurants und auf Fähren auf und verdiente damit einige Tausend Dollar, damals eine Menge Geld“, sagt Koenigsberg. „Eine geniale Erfindung“, meint auch Glenn Streeter, Geschäftsführer der traditionsreichen Firma Rock-Ola mit Sitz in Kalifornien. „Der einzige authentische amerikanische Jukebox-Hersteller auf dem Planeten“, so der Slogan des Unternehmens, das im Juli von einem britischen Geschäftsmann übernommen wurde. Tatsächlich haben frühere US-Marktriesen wie Seeburg oder Wurlitzer (von einer sächsischen Emigranten-Familie gegründet) längst den Betrieb eingestellt.

Rock-Ola setzt heute ganz auf das Nostalgie-Gefühl einer vergangenen Ära. Der Look der neugebauten Jukeboxen - mit 45er Vinyl-Platten - ist klassisch - mit funkelnden Chromzierleisten, Lichteffekten und den bunten, bogenförmigen Bubbler-Röhren, in denen Luftblasen aufsteigen, wie Streeter erzählt. Aber technisch ist alles neu: „Alle unsere Musikboxen habe Bluetooth und WiFi, sie können über Smartphones gesteuert werden.“

Gut 9000 Dollar (über 8100 Euro) kostet eine nagelneue Musikkiste. Private Sammler gehören zu den Kunden, ebenso Restaurantketten im Stil der alten Diner. Seine Verkaufszahlen verrät Streeter nicht, doch er schwärmt von den alten Tagen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Musikboxen überall, in Kneipen, Restaurants, Milchbars, an Bushaltestellen und in Bahnhöfen, allein in den USA gab es nach Schätzungen mehr als 450 000 Stück.“ Amerikanische Soldaten machten die Jukebox auch in Deutschland populär.

Doch mit dem Aufstieg des Fernsehens in den 1950er Jahren ging die Glanzzeit der Jukebox zu Ende. In Bars und Restaurants machten sich Bildschirme breit. Tanzlokale mit Musik aus der Kiste wurden von Discos mit neuer Soundtechnik verdrängt.

Glass hatte vor 130 Jahren mit seiner revolutionären Erfindung nicht lange Erfolg. Der Neuigkeitswert verblasste, der Preis rutschte ab. „Anfangs zahlten die Leute noch bereitwillig fünf Cent, doch nach zwei Jahren kostete das Zuhören nur noch einen Penny“, erzählt Koenigsberg. Das Geschäft brach ein, Glass kehrte in die Telefonbranche zurück und machte dort Karriere. Der Pionier starb 1924 mit 79 Jahren in San Francisco, lange bevor die Jukebox mit Münzschlitz ihren großen Durchbruch feierte.

Eine Fünf-Cent-Münze reicht heute bei den meisten Musikboxen nicht mehr aus. „Keiner steckt mehr Münzen rein“, meint Streeter. Die Geräte werden mit Banknoten gefüttert oder per Handy bezahlt. Doch an dem typischen „Bubbler“-Look seiner Verkaufskollektion, der zum Symbol für die 1950er Jahre wurde, hält Rock-Ola fest. „Das ist ein amerikanischer Klassiker, so wie der 1957er Chevrolet-Oldtimer oder die Coca-Cola-Flasche.“

Rock-Ola

Patent von Louis Glass

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