„Lulu“ sprengt in Hannover musikalische Grenzen

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Deutsche Presse-Agentur

Brüllende Ehepaare, tödliche Schüsse oder schmatzende Küsse - bei David Marton wird beinahe jede Handlung auf der Bühne zu Musik. Opernarien, Jazzballaden, Discobeats, selbst undeutliches Gemurmel vom Diktiergerät stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Seine erfrischende Art, mit klassischen Stoffen umzugehen, hat den 33-Jährigen zur großen Hoffnung im deutschsprachigen Musiktheater gemacht. Am Samstag feierte der in Berlin lebende Ungar mit „Lulu“ im Schauspielhaus Hannover Premiere.

Ausgangspunkt für den Regisseur ist die unvollendet gebliebene Oper „Lulu“ von Alban Berg aus den 1930er Jahren. Berg hatte sich von Frank Wedekinds berühmtem Drama inspirieren lassen. „Lulu“ ist bis heute eine der schillerndsten Frauenfiguren für die Bühne: Kindfrau, Hure, Femme fatale, Verführerin, Opfer, Männerprojektion. Marton wählt als Schauplatz ein Tonstudio, was hervorragend zu den Experimenten mit Text, Sprache und Alltagsgeräuschen und zu den elektronischen Verzerrungen passt. Zu lachen gibt's für das Publikum einiges, etwa wenn Schigolch (Matthias Neukirch) als langhaariger, abgewrackter Rocker auf die „symbolistische Kacke“ schimpft. Ironische Kommentare durchkreuzen das Pathos des Originals.

Die beeindruckend gestaltete Bühne (Alissa Kolbusch) besteht aus vier von einer roten Treppe verbundenen Ebenen. Lulus wechselnde Männer spielen mal den Tonstudio-Regisseur hinter der Glasscheibe ganz oben, mal den Einflüsterer von der Seite oder den Kumpel auf dem Sofa unten direkt vor den Zuschauern. Lulu selbst verkörpern gleich drei Frauen: die junge Schauspielerin Lilith Stangenberg, die in Serbien geborene Jazzsängerin Yelena Kuljic sowie die japanische Sopranistin Yuka Yanagihara. Gemeinsam legen sie einen starken, selbstbewussten Auftritt hin und lassen den Männerreigen oft lächerlich aussehen.

Eine psychologische Entwicklung der Figuren gibt es in der Inszenierung nicht. Lulu bleibt nicht greifbar, in der Schwebe. Eine Schlüsselszene ist ihr einsamer Tanz zu Discobeats - jede Frage, egal ob existenziell oder absurd, beantwortet die Jazzsängerin mit „Ich weiß es nicht“. Der stampfende Rhythmus bleibt eintönig wie Lulus Leben.

Im Verlauf des zweistündigen Abends verblüfft der Regisseur mit originellen Einfällen und intensiven (Klang-)Bildern, etwa wenn der vermeintlich banale „Blee Blop Blues“ zu einer Art Opernchor wird. Martons Stärke ist das Zusammensetzen von Dingen, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenpassen. Er lässt Profi-Musiker schauspielern, Schauspieler singen und musizieren.

Großen Anteil am Gelingen haben die virtuosen Bühnenmusiker, allen voran Jan Czajkowski (Klavier) und Sir Henry (Keyboards, Sequencing). Sie gehören wie die Sänger zu einem mittlerweile eingespielten Künstlerteam um den jungen Theatermacher. So wird in einer Szene der Regieraum hinter der Glasscheibe plötzlich zur Kinoleinwand. Lulu ermordet ihren Ehemann dreimal - zu unterschiedlicher Filmmusik. Marton verbindet Alban Bergs Zwölftonmusik mit teils kitschigen, übertriebenen Hollywood-Soundtracks: Melodram, Actionfilm, Western und Psychothriller lassen grüßen.

www.schauspielhannover.de

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