Letzter Vorhang im Berliner Varieté „Wintergarten“

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Deutsche Presse-Agentur

Noch einmal leuchteten die Sterne des Varietés im „Wintergarten“ unweit des Potsdamer Platzes in Berlin, bevor nach über 16 Jahren der letzte Vorhang fiel.

68 Mitarbeiter hoffen, dass es nicht für immer ist, klatschten sich selbst Mut zu und schwenkten Wunderkerzen auf der Bühne und im Saal. Sie können es nicht glauben, dass lebendiges Varieté keine Zukunft mehr hat, das doch André Heller und Bernhard Paul bei der Eröffnung des Berliner „Wintergartens“ 1992 so beschworen hatten. Aber in der Nacht zum Sonntag galt es die Tränen zu unterdrücken, als noch einmal die Show „Orientalis - Magie des Morgenlandes“ vor einem vollen Haus und einem funkelnden Lichtermeer mit Akrobaten, Jongleuren, Ulk und Bauchtanz vor über 500 Gästen an voll besetzten Tischen über die Bühne ging.

Mit stockender Stimme kündigte Geschäftsführer Frank Reinhardt „die allerletzte Show“ an, „bevor im Wintergarten für immer die Lichter ausgehen, ein trauriger Abend für uns alle, die wir uns mehr Unterstützung für ein Haus gewünscht hätten, das immerhin fast drei Millionen Besucher angezogen hat“. Aber schon im vergangenen Jahr musste Insolvenz angemeldet werden. Auch der frühere Berliner Kultursenator Christoph Stölzl, der unter den Gästen war, kann es nicht fassen, „dass so ein schönes Haus keine Zukunft hat“. Als damaliger Direktor des Deutschen Historischen Museums hatte er zur Eröffnung ein Originalplakat des legendären „Wintergartens“ der Vorkriegszeit am Bahnhof Friedrichstraße zur Verfügung gestellt.

Aber alles hat seine Zeit - vor allem in der Hauptstadt mit allabendlich über 1600 Kulturveranstaltungen. Dies wussten die „Wintergarten“-Betreiber ebenso wie ihre Kollegen vom Friedrichstadtpalast, der im vergangenen Jahr ebenfalls ins Trudeln geriet - mit dem Unterschied, dass er öffentliche Zuschüsse erhält und aufgefangen wurde. Aber das Live-Show-Geschäft ist härter geworden. Kleinere Bühnen tun sich da leichter und es gibt auch Beispiele der Wiederbelebungsversuche wie gerade in Hamburg.

Die GOP Entertainment Group betreibt in Deutschland fünf Varietés mit 500 Mitarbeitern und hat eigenen Angaben zufolge über 600 000 Besucher im Jahr. Die Gruppe will von einer Krise des Varietés nicht sprechen. Sie sieht im Varieté-Theater vielmehr eine Alternative: „Unsere Besucher wünschen sich moderne, anspruchsvolle Varieté-Live-Unterhaltung ohne Werbeunterbrechung und Dschungelcamp.“

So ähnlich klangen ja auch noch die Grußworte zum zehnjährigen Bestehen des „Wintergartens“ vor einigen Jahren. „Möge dieser Zauber nie verfliegen!“ schrieb Roncalli-Chef Bernhard Paul und erinnerte daran, dass seine Freunde Siegfried und Roy aus Las Vegas die Patenschaft für den Berliner „Wintergarten“ übernommen hatten. Das Gästebuch verzeichnete im Laufe der Jahre weitere illustre Namen wie Shirley MacLaine, Vitali Klitschko, Peter Scholl-Latour, Phil Collins, Alfred Biolek, Udo Lindenberg, Max Raabe und Horst Buchholz, aber auch Politiker wie Altkanzler Helmut Schmidt oder die früheren Bundesminister Hans-Dietrich Genscher und Otto Schily. Bundespräsident Johannes Rau kam gerne mit der ganzen Familie in die Potsdamer Straße.

Aus und vorbei, vorläufig jedenfalls, wie die Mitarbeiter hoffen. „Ein so schönes Haus muss einfach eine Zukunft haben“, meinen sie und wollten eigentlich mit ihrer Show „Hurra, wir leben noch!“ weitermachen. Doch dazu kam es nicht mehr. Eine Kulttruppe aus der Clubnacht-Szene setzte den Schlusspunkt, die „Gesellschaft für mondaene Unterhaltung - Bohème Sauvage“ beschwor noch einmal die wilden 20er Jahre in Berlin, der Dresscode für Besucher lautete „Bohème, Diva Dandy, Flappe Gigolo“.

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