„Leto“: Als der Punk in die Sowjetunion kam

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Leto
Zwischen dem begnadeten Musiker Viktor (Teo Yoo) und Natascha (Irina Starshenbaum) entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte. (Foto: Weltkino Filmverleih GmbH / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Wolfgang Marx

Ein Rock-Konzert in der Sowjetunion Anfang der 80er Jahre ist eine gespenstische Erfahrung. Hier ist alles unter Kontrolle. Niemand drängt zur Bühne, alle sitzen brav und wer zu heftig mit dem Fuß wippt, wird sofort zur Ordnung gerufen. Und doch - ein Hauch von Aufbegehren liegt in der Luft.

New York und London sind die Epizentren der Punk-Bewegung, die Rebellion gegen das Establishment, gegen musikalische Erstarrung und die allgemeine Tristesse. Die Ausläufer sind auch in der Sowjetunion zu spüren, die sich in einer Zeit des Umbruchs befindet, sich die Perestroika bereits ankündigt. Und dazu läuft laut die Musik der Talking Heads, Iggy Pop, Blondie und David Bowie, die in dem Film „Leto“ (Sommer) eine wundervolle Transformation erleben.

„Keine SU mehr, aber auch nicht der Westen. Irgendwas dazwischen. Ziemlich gemütlich“, lautet die Bestandsaufnahme von Mike Naumenko (Roma Zver), der als Musiker eine Nische gefunden hat und trotz aller Restriktionen ein ungewöhnlich hohes Maß an Freiheit besitzt. Auch wenn die Auftrittsmöglichkeiten extrem begrenzt sind.

Mit seiner Blues-Rock-Band Zoopark ist er einer der Helden des Undergrounds in Leningrad (heute St. Petersburg). Den Geist des Punk haben diese jungen Musiker verinnerlicht, wie die Sex Pistols aber müssen sie deshalb nicht klingen.

Als Kirill Serebrennikows Film „Leto“ im Mai beim Festival in Cannes seine Weltpremiere feierte, da blieb der Platz des russischen Regisseurs und gefeierten Theatermachers leer. Seit mehr als einem Jahr steht der Leiter des renommierten Gogol-Zentrums wegen angeblicher Unterschlagung unter Hausarrest. Serebrennikow bestreitet die Vorwürfe, ihm droht ein langer Prozess. Kritiker gehen von politisch motivierten Anschuldigungen aus und befürchtet einen Angriff auf die ganze kritische Kulturszene in Russland.

„Leto“ ist ein - immer wieder auch - melancholischer Film über die künstlerische Freiheit in Zeiten der Unterdrückung. Eine Freiheit, die Serebrennikow selbst verloren hat und der „Leto“ nur unter größten Schwierigkeiten beenden konnte, nachdem er schon unter Hausarrest gestellt worden war.

„Leto“ wird von der verändernden Kraft der Musik getragen, aber es ist auch ein Film über die Liebe und die Freundschaft. Eines Tages erscheint Viktor Zoi (Teo Yoo) auf der Bildfläche, der nicht nur Mike mit seinen sensiblen und eindringlichen Texten begeistert. Auch Mikes Frau Natascha (Irina Starshenbaum) ist von dem charismatischen Musiker beeindruckt, der schon bald zum Hoffnungsträger der Leningrader Musikszene wird. Zwischen den beiden entspinnt sich eine ganz zarte Liebesgeschichte.

Viktor Zoi, der bereits mit 28 Jahren bei einem Autounfall starb, wird in Russland noch heute tief verehrt. Mit seiner Band Kino hat er dem russischen Rock seinen Stempel aufgedrückt und mit seiner Musik wurde der Singer-Songwriter zum Idol einer ganzen Generation, die sich nach Freiheit sehnte.

Für seine wahre Geschichte findet Kirill Serebrennikow wunderbar poetische Schwarz-Weiß-Bilder, die an die kraftvollen frühen Filme von Jim Jarmusch („Stranger Than Paradise“) erinnern, der wie kaum ein anderer hautnah das Lebensgefühl der Punk-Generation einfing.

Zu einem besonderen ästhetischen Vergnügen werden dabei die immer wieder eingeschobenen Clips, die mit der MTV-Ästhetik der 80er Jahre spielen und „Leto“ einen unerwarteten Musical-Touch geben. „Psycho Killer“ (Talking Heads) in der Bahn, „The Passenger“ (Iggy Pop) im Tram-Bus - und alle singen mit.

Leto, Russland/Frankreich 2018, 128 Min., OmU, FSK ab 12 Jahren, von Kirill Serebrennikow, mit Roma Zver, Irina Starshenbaum, Teo Yo

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