Kulenkampffs Schuhe

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Kulenkampffs Schuhe
Von der älteren Generation noch nicht vergessen: der Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff in der Quiz-Sendung „Einer wird gewinnen“ (1968). (Foto: Wolfgang Weihs / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Söhnke Callsen

Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Alexander, Hans Rosenthal - wenn die großen Showmaster in Nachkriegsdeutschland ihren Auftritt hatten, versammelten sich die Familien vor dem Fernseher.

Mit ihren Shows wie „Einer wird gewinnen“ oder „Dalli Dalli“ erreichten sie Einschaltquoten, von denen Jörg Pilawa oder Johannes B. Kerner heute nur träumen können.

Für viele Zuschauer waren sie wie Familienmitglieder, wie die Regisseurin Regina Schilling in ihrer Dokumentation „Kulenkampffs Schuhe“ erzählt. Das Erste zeigt sie an diesem Mittwoch um 22.30 Uhr. Schilling verknüpft ihre Reise durch das Unterhaltungsfernsehen der Nachkriegszeit mit ihrer eigenen Familiengeschichte.

Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit ihrem Vater, dessen Leben beispielsweise mit dem von Kulenkampff zahlreiche Parallelen aufweist. Wie der berühmte Entertainer wuchs er im Nazideutschland auf, erlebte die Schrecken des Zweiten Weltkrieges als junger Soldat und schuftete sich in den 50er und 60er Jahren für das Wirtschaftswunder krumm. Er als Besitzer eines Drogeriegeschäfts im Rheinland, der Showmaster im Hamsterrad der Unterhaltungsindustrie.

Und auch als die Aufhebung der Preisbindung die wirtschaftliche Existenz der Eltern gefährdete, das Herz des Vaters immer schwächer wurde, war die Fernsehfamilie immer da. Kulenkampff witzelte noch immer mit seinen Kandidaten und Peter Alexander sang „Mädchen weine nicht, es wird alles wieder gut.“

Der Zuschauer erfährt nicht nur Persönliches aus Schillings Familie, sondern auch Intimes von den Showgrößen. Von Kulenkampff, dass er sich im Russlandfeldzug erfrorene Zehen selbst abschnitt oder von Rosenthal, dass er sich als Jude jahrelang in einer Laube in Berlin vor den Nazis versteckte.

In der Unterhaltung versuchten sie später alle zu vergessen, die Entertainer auf der Mattscheibe und ihr Publikum davor. Verdrängt wurden dann die Gräuel des Krieges, die eigene Schuld und die Mühen der Nachkriegszeit - zumindest am Samstagabend war alles gut.

Zusammengestellt ist der Film ausschließlich aus Archivmaterial: aus alten Fernsehausschnitten, Interviews, Werbefilmen, Schmalfilmaufnahmen und Fotos aus dem Familienalbum. Hin und wieder verliert sich die Dokumentation ein wenig in Details, und die etwas lethargische Stimme der Sprecherin stellt die Konzentration des Zuschauers manchmal auf die Probe.

Trotzdem gelingt Schilling ein tiefgründiges Porträt nicht nur ihres Vaters und der Showgrößen, sondern auch der deutschen Seele nach dem Krieg.

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