Kricheldorfs „Der Kopf des Biografen“ uraufgeführt

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Deutsche Presse-Agentur

Redselige Tote, erschütternde Sinnkrisen und ein Bestseller, der eigentlich keiner werden durfte. Es geht hoch her in Rebekka Kricheldorfs Schauspiel „Der Kopf des Biografen“, das unter viel Beifall im Osnabrücker emma-Theater uraufgeführt wurde.

Kricheldorf, die derzeit zu den meist gespielten jungen Theaterautorinnen zählt, schildert in ihrem neuesten Stück die bizarren Erlebnisse eines Biografen, der in eine Identitätskrise gerät.

Victor hat es nicht leicht. Die Haushaltskasse ist leer, Gerichtsvollzieher Sammy pfändet alles, was nicht niet- und nagelfest ist, und Freundin Lisa verschenkt ihr Geld an Menschen, denen es noch schlechter geht. Zu allem Überfluss soll Victor eine Biografie schreiben, die garantiert kein Kassenschlager wird. Denn das Buch dreht sich um Professor Tristan Wokalek, über den es - abgesehen von seiner Geburt, der Verleihung des Nobelpreises und dem Tod im Ohrensessel - nichts Nennenswertes zu berichten gibt.

Doch Victor gibt nicht auf und erfindet Wokaleks Leben neu. Hatte der hochdekorierte Physiker nicht eine Affäre mit dem Laboranten Joe Delano? War Wokalek in Wahrheit ein Dokumentenfälscher und Hochstapler, während seine Assistentin Naomi Middlemarch die nobelpreisverdächtige Entdeckung machte?

Während der Biograf eine neue Identität zusammenbastelt, löst sich seine eigene in fantasievollen Spekulationen auf. Victor führt Selbstgespräche, hält sich für Wokalek und den Gerichtsvollzieher für Joe Delano. Dann taucht seine Kollegin Mara auf, die ein Buch über das Partyluder Lou Spinosa schreiben soll. Mara fleht ihn an, die Themen zu wechseln, denn sie hat keine Lust mehr, im „Daseinsmüll“ ihrer Möchtegerndiva herumzukramen. Victor verliert vollends die Kontrolle - und bringt einen Bestseller zustande.

„Der Kopf des Biografen“ spielt virtuos mit der Tradition der Verwechslungskomödie, doch bei Rebekka Kricheldorf geraten nicht nur Personen, sondern auch Charakterzüge, Selbsteinschätzungen und Identitätssuchen durcheinander. Am Ende weiß niemand mehr so recht, wer er ist, sein sollte oder werden könnte.

Nina Gühlstorff inszeniert das Auftragswerk des Theaters Osnabrück mit Witz und Hintersinn, hätte jedoch bisweilen das Tempo forcieren können. In einer heruntergekommenen Mittelstandswohnung (Bühne und Kostüme: Marouscha Levy) arbeiten sich Victor, Lisa, Mara und Sammy an ihren Lebensentwürfen ab, wechseln die Figuren und Kostüme und haben doch keine Chance, je ans Ziel ihrer Wünsche zu kommen.

Mit den vier Darstellern hat das Stück eine adäquate Besetzung gefunden. Zentrum des Geschehens ist Clemens Dönicke, der als Victor und Professor Wokalek ein aberwitziges und doch anrührendes Doppelleben führt. Aber auch Christina Dom (Lisa/Elise Wokalek), Katharina Quast (Mara/Naomi Middlemarch) und Laurenz Leky (Sammy/Joe Delano) halten das Publikum gute 90 Minuten lang in Atem.

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