Kraxeln überm Königssee

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Die „ready to go“-Angebote von der Wanderakademie kosten für zwei Tage (inklusive Essen und Übernachtung) 199 Euro und für fünf Tage 599 Euro. Weitere Informationen unter www.haus-der-berge.bayern.de, www.nationalpark-berchtesgaden.

bayern.de und alpine-auskunft@dav-berchtesgaden.de

Die Recherche wurde unterstützt vom Berchtesgadener Land Tourismus.

Der Nationalpark Berchtesgaden wird 40 Jahre alt. Ein besonderes Erlebnis ist das Wandern dort, wenn man mit der Wanderakademie unterwegs ist.

Ganz ehrlich?“ Hansi Stöckl schaut die Berlinerin an, wartet auf ihr Nicken und legt los. „Ihre Schuhe sind ok., die Jeans na ja, aber der Rucksack geht gar nicht.“ Er sagt auch gleich warum. „Wenn’s regnet, haben Sie keine Freude daran.“ Auch über den Inhalt lässt er sich aus und gibt Ratschläge, was sein muss („Wasserflasche, aber nicht ständig dran nippeln“) und was nicht („zu viele Klamotten“). Er erzählt, dass seine Kundschaft heutzutage „eher über- als unterausgerüstet ist und längst niemand mehr mit Flip-Flops wandern geht“. Knöchelhohe Wanderschuhe müssten allerdings nicht unbedingt sein. „Wer viel läuft und trittsicher ist, kann auch mit Halb- oder sogenannten Zustiegsschuhen weit kommen.“ Apropos Trittsicherheit: Die könne durchaus geübt und auch im fortgeschrittenen Alter noch verbessert werden. Und dann macht er Übungen mit seiner kleinen Mannschaft, lässt sie steile, große Felsen hinuntergehen und ermuntert jeden Einzelnen: „Hände weg, nicht nach hinten lehnen, eher nach vorn. Verlasst Euch auf Euren Körper und auf die Sohlen – die halten schon.“

Alpines Wandern lernen

Stöckl und sein Kollege Jens Badura sind Bergführer bei der Bergsteigerschule Watzmann in Schönau am Königssee und stellen das neue Angebot namens „ready to go“ vor. Alpines Wandern soll gelernt werden und zwar von Grund auf. Sogar alte Wanderprofis können von den beiden noch Neues erfahren. Dazu gehört nicht nur der Umgang mit Schuhen und Stöcken („Wer grundsätzlich immer Stöcke benützt, bei dem verkümmert die Trittsicherheit“), sondern auch Kartenlesen, Planzeiger anwenden und ein bisschen Bergphilosophie. Badura ist nämlich nicht nur Bergführer, sondern auch habilitierter Kulturphilosoph und spricht außer über Höhenmesser-Kalibrierungen und der optimalen Einteilung von Marschzeiten („Man darf auch mal umkehren“) viel über Respekt und das teils recht schwierige Verhältnis von Mensch und Berg. Bergkulturbüro nennt er das von ihm gegründete Forum, das „Raum für Initiativen und eine Denkwerkstatt im Bereich alpenpolitischer und -kultureller Fragen“ sein soll.

Die Berge – der Watzmann und das Steinerne Meer – mitsamt ihren Tieren und Pflanzen stehen im Nationalpark Berchtesgaden im Vordergrund. 1,6 Millionen Menschen besuchen das Schutzgebiet im Jahr. Die allermeisten davon kommen aus Deutschland, aber die wenigsten gehen wirklich hoch hinaus. Ihnen reicht der Königssee mit der Halbinsel St. Bartholomä samt Wallfahrtskirche, der mit seiner fjordartigen Lage zwischen steilen Berghängen zu den saubersten Seen Deutschlands zählt. Er gehört bereits zum Nationalpark, sein Echo ist bekannter als die Berge dahinter. In der Hauptsaison kann es schon mal zu langen Wartezeiten an den Bootsablegern führen kann. Auch wenn die Parkplätze in Schönau morgens noch fast leer sind, lassen zig Busspuren und englischsprachige Schilder ahnen, wie es zur Hauptsaison bei schönem Wetter aussehen mag.

Wie gesagt, ganz nach oben gehen von den Menschen, die ihr Auto hier abstellen, nur wenige. Es würde sich aber lohnen, denn vom Königssee auf 600 Metern geht es hinauf bis auf den 2713 Meter hohen Watzmanngipfel. Von denen, die es wagen, machen die meisten die viertägige Watzmanntour. Im Sommer sind die Hütten und Häuser wie die Wimbachgrieshütte, das Watzmannhaus oder das Kärlingerhaus mit dem kalten Funtensee voll. Im See wurden 2001 im Winter minus 45,9 Grad gemessen, so kalt war’s in Deutschland nirgends mehr, und auch im Sommer braucht man zum Baden ein wenig Mut. Wer es wagt, ist ein Held und kann sich die Wäsche im Gemeinschaftsbad vom Kärlingerhaus sparen.

Blick auf den Königssee

„Aber wir haben noch so viel mehr zu bieten“, sind sich die Bergführer einig. „Wer abseits der beliebten Routen unterwegs ist, kann ganz einsam sein.“ Ein Tipp: Die großen Touren mal verkehrt herum laufen. Wer vom Kärlingerhaus früh zum Feldkogel startet, ist nach einer Stunde schon da, genießt einen herrlichen Weitblick auf Watzmann hinüber und zum Königssee hinunter und ist ganz allein. Die Berlinerin ist von der Sicht jedenfalls begeistert und auch von ihren Fortschritten bei den Gleichgewichtsübungen. Am meisten allerdings davon, „dass ich hier WLAN habe.“

Auch Roland Baier ist begeistert. Er ist seit knapp einem Jahr Leiter des Nationalparks und schwärmt vor allem von der Tierarten- und Pflanzenvielfalt in seinem Revier. 55 verschiedene Säugetierarten leben hier, allein 60 Prozent der bayerischen Nachtschmetterlinge und fünf Adlerpaare, die sich das gesamte Gebiet aufteilen. „Platz für weitere Adler ist derzeit nicht“, so der studierte Forstwissenschaftler. Auf den höher gelegenen Wanderrouten rund um den Watzmann lassen sich immer wieder Gämsen, Steinböcke und Murmeltiere blicken und Pflanzen, die so schöne Namen tragen wie schmalblättriges Wollgras oder bewimperte Alpenrose.

Die „ready to go“-Angebote von der Wanderakademie kosten für zwei Tage (inklusive Essen und Übernachtung) 199 Euro und für fünf Tage 599 Euro. Weitere Informationen unter www.haus-der-berge.bayern.de, www.nationalpark-berchtesgaden.

bayern.de und alpine-auskunft@dav-berchtesgaden.de

Die Recherche wurde unterstützt vom Berchtesgadener Land Tourismus.

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