Krankheits-Bilder und Erotik im Frauenmuseum

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Deutsche Presse-Agentur

Es ist ein Tabubruch: Eine 14-Jährige, ihre Mutter, die Großmutter und sogar die Urgroßmutter auf Krücken stehen nackt nebeneinander im Museum - mit vertauschten Körperteilen.

Gleich nebenan deuten farbenfrohe Gemälde Todesvisionen einer alternden Künstlerin an, und die Tochter einer Demenzkranken hat hier eine „Enzyklopädie der Gerontologie“ zerrissen und in einem Glaskasten positioniert. „Methusa - Alte Schachtel, schwarze Göttin“ heißt die ungewöhnliche Ausstellung im Bonner Frauenmuseum, die bis zum 10. Mai die Kunst des Alterns ausstellt.

„Wenn die Alten schon nicht geschätzt werden, könnten sie ja wenigstens als gewaltige Gestalten gefürchtet werden“, erklärt Museumsleiterin Marianne Pitzen (60) das Wortspiel im Titel. „Methusalem“ als feminisiertes Sinnbild der Weisheit verquickt sich mit dem Schreckensbild der „Medusa“ - einem geflügelten Ungeheuer der griechischen Mythologie.

Selbstironie scheint bei dem einen Künstler und den 88 Künstlerinnen, die hier ausstellen, Ventil zu sein: Fast jedem der Werke auf den 1500 Quadratmetern wohnen Elemente des Augenzwinkerns oder gar des bösartigen Zynismus inne. Wenn in einem vergoldeten Rahmen lediglich ein Papier mit dem Wort „Abwrackprämie“ hängt, spricht das für sich. Doch auch von Schönheit oder Sex im Alter sprechen die Kunstwerke. „So etwas wird oft angegriffen und als Tabubruch empfunden“, sagt Marianne Pitzen, die das Frauenmuseum vor 18 Jahren gründete. „Es gibt aber Bereiche der Realität wie Krankheit, Pflege und Tod, die sich nicht verdrängen lassen. Zartes und Hartes steht nebeneinander.“

Mit dem Wunsch ein solches Thema aufzugreifen, traten die Künstler selbst an das Museum heran, Schirmherrin wurde die emeritierte Professorin und ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula Lehr. 150 Vorschläge von Künstlern aus ganz Deutschland gingen ein. Entstanden ist ein Novum in der Kunstlandschaft: In Gemälden, Skulpturen oder gar Videoinstallationen verarbeiteten die Künstler persönliche Erfahrungen des Älterwerdens im Laufe ihrer Vita. „Die jüngste Künstlerin ist gerade 26, die Älteste 93 Jahre alt“, erklärt Pitzen das Generationen übergreifende Konzept. Auch eine türkische Malerin ist darunter.

Ganze Frauengenerationen sind involviert: Die Künstlerin Annegret Soltau - bundesweit bekannt für ihre Fotoinstallationen - ist neben ihrer Mutter und Großmutter eine der Frauen auf der „Fotovernähung“ genannten Collage. Die nackte 14-Jährige ist ihre Tochter Julia. Man wolle aber vor allem ältere Menschen erreichen: „Sie beklagen, dass sie im grassierenden Jugendkult nicht ernst genommen werden, stellen sich aber selbst mit 60 Jahren schon auf das Altsein ein - man lebt aber bis 90“, sagt Pitzen. „Dabei haben sie der Gesellschaft eine Menge mitzuteilen. Das geschieht hier.“

www.frauenmuseum.de

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