Knochenfund in Vatikan-Villa erschüttert Italien

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Seit Jahren fordern Angehörige und Freunde der vermissten Mädchen Aufklärung.
Seit Jahren fordern Angehörige und Freunde der vermissten Mädchen Aufklärung. (Foto: dpa)

Hinter dem prächtigen Tor erhebt sich eine große Villa, errichtet Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Hier ist die Botschaft des Heiligen Stuhls beim italienischen Staat untergebracht. Neben der Villa wohnt der Verwalter der Nuntiatur in einem kleinen Haus.

Bei Bauarbeiten machten Arbeiter eine grauenhafte Entdeckung. Unter dem alten Fußboden, der Anfang der 1980er-Jahre gelegt worden war, entdeckten sie haufenweise Knochen. Experten der Polizei deuteten sie als leibliche Überreste zweier junger Frauen. Wie alt diese Frauen zum Zeitpunkt ihres Todes waren und wer sie sein könnten werden DNA-Untersuchungen in den kommenden Tagen ermitteln.

Könnten die Knochen jenen zwei Mädchen gehören, die 1983 spurlos verschwunden sind? Nach denen immer noch geforscht wird, und die vielleicht Teil eines kriminellen Komplotts sind, in dessen Zentrum der Vatikan und die Mafia stehen?

Diese Fragen beschäftigen nicht nur die Ermittler sondern auch die italienische Öffentlichkeit.

Wüste Theorien

Am 7. Mai 1983 verschwand zunächst die 15-jährige Barbesitzertochter Mirella Gregori. Am 22. Juni war Emanuela Orlandi, ebenfalls 15, an der Reihe. Sie war die Tochter eines Angestellten der päpstlichen Finanzpräfektur. Ob ein Zusammenhang zwischen dem spurlosen Verschwinden beider Mädchen besteht, konnte bis heute nicht geklärt werden.

Im Fall von Emanuela Orlandi, die sich auf dem Weg zum Flötenunterricht befand, rankten sich bald schon die wüstesten Theorien. Sie soll, und zahllose Journalisten und Buchautoren versuchen diese Hypothese bis heute wortreich nachzuweisen, entführt worden sein. Um den Vatikan unter Druck zu setzen.

Die Entführer seien die Grauen Wölfe gewesen, sagen die einen. Sie wollten mit dieser Tat den Vatikan dazu bringen, sich für die Freilassung des türkischen Rechtsextremisten Mehmet Ali Agca einzusetzen. Der saß damals in italienischer Haft, nachdem er am 13. Mai 1981 auf Papst Johannes Paul II. geschossen hatte. Auch war die Rede von sowjetischen Hintermännern, die Orlandi entführt hätten, um ihrerseits die Herausgabe des Attentäters zu verlangen, denn, so argumentieren diese Autoren, der Mordanschlag sei von Moskau ausgegangen.

Die immer noch im Fall von Emanuela Orlandi ermittelnden Untersuchungsrichter gehen aber eher davon aus, dass sich die Entführer im grauen Bereich der römischen Mafia und Bandenkriminalität finden lassen könnten.

Die Rede ist von der berühmt-berüchtigten Banda della Magliana. Diese mafiaähnliche kriminelle Organisation in Rom soll in den 1980er-Jahren zusammen mit der Cosa Nostra aus Sizilien hohe Geldsummen aus dem internationalen Drogenhandel über die Vatikanbank IOR und mithilfe des damaligen Chefs der IOR, des hemdsärmeligen US-amerikanischen Erzbischofs Paul Marcinkus, gewaschen haben. Bei diesen schmutzigen Bankgeschäften sollen auch der Mafia nahestehende Bänker der Mailänder Banco Ambrosiano mitgewirkt haben.

Als die vatikaninterne und auch die italienische Justiz versuchte Licht ins Dunkel dieser undurchsichtigen Machenschaften zu bringen, so eine glaubhafte Hypothese, wurde Emanuela Orlandi entführt. Nicht ausgeschlossen ist, dass man mit dieser Entführung vor allem die Ermittler im Kirchenstaat zum Schweigen bringen wollte. Der jüngste Stand der Ermittlungen geht davon aus, dass Enrico De Pedis die Entführung durchgeführt haben könnte. Er war damals der Boss der Banda della Magliana. De Pedis starb 1990. Sein Körper wurde in der Kirche Sant’Apollinare im Herzen Roms beigesetzt.

Kassen der Kirche profitierten

Heute weiß man, dass das nur möglich war, weil der Kriminelle beste Kontakte zu hohen Geistlichen im Vatikan pflegte. Waren sie es, die die Ermittlungen im Fall von Emanuela Orlandi vereitelten, um den Boss in Schutz zu nehmen? Einen Boss, das ist heute bekannt, der mit der Vatikanbank IOR große Geschäfte machte, von denen auch die Kassen der Kirche profitierten.

Interessant ist auch, dass die Ehefrau und die Geliebte von De Pedis in direkter Nachbarschaft der Nuntiatur wohnten, wo jetzt die Knochenreste gefunden wurden. Dort wohnte auch Giuseppe Scimone, einer der engsten Mitarbeiter des Bosses, der den Ermittlungsbehörden zufolge eine federführende Rolle bei der Entführung Emanuelas gespielt haben soll.

Sollten die Knochenreste in der Nuntiatur tatsächlich von Emanuela Orlandi stammen, würden zahlreiche Indizien, die die Behörden in den vergangenen Jahrzehnten sammeln konnten, bestätigt. Wenn nicht, wird weiter gerätselt werden, was aus dem Mädchen wurde. Einige Journalisten behaupten aufgrund von Interviews, dass die heute erwachsene Frau inzwischen irgendwo in Lateinamerika leben könnte, glücklich verheiratet und mit Kindern.

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