Kleinkind durchlebte die Hölle - Pflegeeltern vor Gericht

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Amtsgericht Mannheim
Das Eingangsportal des Amtsgerichts. (Foto: Ronald Wittek/Illustration / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Julia Giertz

Offene Wunden, Handknochenfrakturen, Brillenhämatome, Schlüsselbeinbruch - die im Mannheimer Amtsgericht vorgetragene Liste von Verletzungen eines kleinen Jungen lässt einem den Atem stocken.

Staatsanwalt Tobias Lutz verliest am Dienstag in Mannheim die körperlichen Leiden, die die Pflegeeltern dem Kind zugefügt haben sollen. Ihm gegenüber lauschen die 44-jährige Angeklagte und ihr gleichaltriger Ehemann anscheinend ungerührt den zahlreichen Vorwürfen. Die Frau ist wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener angeklagt. Ihrem Mann wird Körperverletzung und Misshandlung durch unterlassene Hilfe für das wehrlose Kind zur Last gelegt.

Lutz schildert die Pflege in der Familie, zu der auch zwei leibliche Kinder des Paars gehören, zunächst als liebevoll. Doch nach einem halben Jahr soll sich das geändert haben. Von Juli 2017 an sei der Junge körperlich gezüchtigt worden. Der Pflegevater habe dem Kind mindestens einmal auf das Gesäß geschlagen. Seine Frau gab dem Jungen laut Anklage drei bis vier Wochen zu wenig oder kein Essen. Hatte der Junge sich dreckig gemacht, duschte ihn die Pflegemutter eiskalt ab, wie es in der Anklageschrift heißt. Sie habe ihm mit der Faust oder flachen Hand ins Gesicht und auf den Oberkörper geschlagen und ihn gegen das Mobiliar geschubst. Durch mehrfache Schläge mit einem Kochlöffel habe sie ihm die Mittelhandknochen gebrochen. Für die auf dem Kopf des Kindes entdeckten kahlen Stellen gibt es einen ungeheuerlichen Grund: Laut Staatsanwaltschaft hat die Pflegemutter ihrem Opfer büschelweise Haare ausgerissen.

Angesichts solcher Auswüchse betont der Deutsche Kinderschutzbund: „Jedes Kind hat ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.“ Das Kriterium „Umgang mit Gewalt“ spiele auch bei der Gewinnung von Pflegeeltern eine große Rolle, sagt Geschäftsführerin Cordula Lasner-Tietze. Kandidaten würden gefragt, wie sie mit Belastungen umgehen. „Wer dann sagt, ein Klaps auf den Po hat noch niemandem geschadet, kann eine solche Aufgabe nicht übernehmen.“ Immer mehr Kinder sind in Pflegefamilien untergebracht, im Jahr 2016 waren es bundesweit über 74 000. Eltern, die diese Verantwortung übernehmen wollen, werden hingegen seltener.

Der dem Vernehmen nach von einer sehr jungen Mutter geborene Junge hat es seiner früheren Kurzpflegemutter zu verdanken, dass sein Leiden im September 2017 zu Ende ging. Bei einem Kontaktgespräch zwischen der jetzt angeklagten Pflegemutter und ihrer Vorgängerin fiel Letzterer der schlechte Gesundheitszustand des Kindes auf. Sie alarmierte das Jugendamt, das die Wohnung der Familie unangemeldet besuchte. Was die Mitarbeiter vorfanden, führte zum sofortigen Ende der Pflege und zu einer Anzeige gegen unbekannt. Da der Prozess bis vor der Urteilsverkündung Ende Februar nicht öffentlich geführt wird, bleiben zunächst viele Frage offen, etwa wie die Angeklagten sich äußern und warum die Verletzungen niemandem auffielen.

Die Pflegemutter hatte die ihr zur Last gelegten Taten bislang bestritten. Der Pflegevater hat dem Gericht nach anfänglichem Schweigen einen Brief unbekannten Inhalts geschrieben.

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