Keine Gnade in Gnadental: Gusel Jachinas „Wolgakinder“

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«Wolgakinder»
„Wolgakinder“ von Gusel Jachina. (Foto: -/Aufbau Verlag/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Florian Kapfer

Gusel Jachinas Roman „Wolgakinder“ beginnt im Jahr 1916, doch statt Wilhelm II. oder Nikolaus II. steht Katharina II. am Anfang.

Die russische Kaiserin, auch die Große genannt, siedelte ab 1763 deutsche Auswanderer an der Wolga an. Ein Nachfahre dieser Pioniere ist der Schulmeister Jakob Iwanowitsch Bach im deutschen Dorf Gnadental. Dessen einsiedlerisches Leben gerät durch die Bekanntschaft mit der 17-jährigen Klara Grimm, Tochter eines Gutsbesitzers, aus den Fugen.

Die beiden verlieben sich und Klara gelingt die Flucht, als sie zum Heiraten nach Deutschland geschickt wird. Für kurze Zeit lebt sie mit dem Lehrer zusammen, bevor sie bei einem Überfall vergewaltigt wird. Neun Monate später kommt ein Mädchen zur Welt, das Bach nach Klaras tragischem Tod aufopfernd großzieht. Die Schicksalsschläge reißen nicht ab, Bach verliert sogar die Sprache. Mit der sechs Jahre alten Tochter Anne versucht er schließlich, auf der Wolga „ins Reich“ zu entkommen, scheitert jedoch bald.

Daraufhin bekommt er ein weiteres „Pflegekind“: Der Rumtreiber Wassja bringt mit seinen mehrsprachigen Flüchen frischen Wind in die Bach'sche Stube. Da fällt der Tochter Anne die Wahl nicht schwer, sie verlässt mit dem ungelenken Streuner das heimische Gnadental und heuert im Kinderheim „Clara Zetkin“ an, das immerhin eine Schauspieltruppe bietet. Hier bekommt sie regelmäßig Besuch von Väterchen Bach, bevor der sein Ende (oder das seines Traumes?) im Fluss findet: „Bach löste sich in der Wolga auf.“

Bach, Grimm, Gnadental - schon die Namensgebung scheint in eine märchenhafte Welt zu entführen, auch wenn die Bezeichnungen auf tatsächlichen Personen und Orten beruhen. Jachina nutzt die Historie als Folie für eine düstere und rätselhafte Erzählung. In dieser holzschnittartigen Welt voll „brodelndem Wasser“ und „mächtigen Bergen“ sind auch die Protagonisten leider etwas eindimensional. In all seinem Leiden bleibt der Dorflehrer Bach der flache Charakter, als der er bereits am Anfang des Romans geschildert wird, „von so unscheinbarem Äußeren, dass nie jemand darüber ein Wort verlor. Wie auch über sein ganzes Leben.“ Bereits die schicksalshafte Zuneigung Klaras erschließt sich dem Leser nicht.

Konstruiert wirken auch die Parallelen zur großen Weltgeschichte, vor allem der Entwicklung in Russland von 1916 bis 1938, die Jachina nicht zuletzt mit Anmerkungen am Ende des Buches herzustellen versucht. Ein bisschen schwierig ist auch die Floskelflut, bei einer nach ihrem Debüt von 2017 („Suleika öffnet die Augen“) so hochgelobten Autorin umso schwerer nachvollziehbar. Vermutlich soll an die Sprache der Märchen erinnert werden: Klaras „engelgleicher Sopran“ lässt es Bach „kalt den Rücken“ runterlaufen, ein „Bild wie Milch und Honig“ wird von „Kacheln wie Honigkuchen“ abgelöst, allzu oft ist „unwiderstehliche Kraft“ am Werk im „blaugrünen Wald“.

Leider ist eine reizvolle Anfangsidee, die Kombination aus Welt- und Dorfhistorie, im Roman etwas auf der Strecke geblieben. Laut eigenen Angaben wollte Jachina eine Geschichte über die Wolgadeutschen schreiben und den kleinen Vater Bach mit dem großen Vater Stalin, stets ehrfürchtig in kursiven Versalien als „ ER“ tituliert, in Beziehung setzen. Das Ergebnis sind knapp 600 lange Seiten, die Literaturliebhaber wie Geschichtsinteressierte etwas ratlos zurücklassen dürften.

- Gusel Jachina: Wolgakinder, Aufbau Verlag, Berlin, 591 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-351-03759-8.

Wolgakinder

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