Keine Angst vor Lebensmitteln: Warum Verzicht auf Gluten oder Laktose häufig unnötig ist

Zwei Personen stehen vor dem Kühlregal
Bei einer diagnostizierten Lebensmittelunverträglichkeit wie etwa Laktoseintoleranz ist das Weglassen von Nahrungsmitteln oft die einzig sinnvolle Therapie. Allerdings vermeiden viele Menschen inzwischen auch auf Verdacht Lebensmittel – ohne Not und besonderen Effekt. (Foto: Benjamin Nolte/dpa)
Sandra Markert

Joghurt ohne Laktose, Kekse ohne Gluten: Solche „Frei-von“-Lebensmittel füllen in den Supermärkten inzwischen ganze Regale. Sie vermitteln den Eindruck, dass immer mehr Menschen einzelne Nahrungsmittel nicht mehr vertragen. Hinzu kommen Apps, die beim Einkaufen warnen, wenn man zu Produkten greift, die bestimmte Inhaltsstoffe enthalten. Warum Experten davon abraten und sich hinter vielen Lebensmittelallergien Ängste und Befürchtungen verstecken, nicht aber echte körperliche Beschwerden.

Vertragen tatsächlich immer mehr Menschen bestimmte Lebensmittel nicht?

Nein. Zumindest die Zahl der tatsächlich bestätigten Lebensmittelallergien und Unverträglichkeiten ist dem Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) zufolge seit Jahren recht konstant. So leiden etwa ein bis zwei Prozent der Bundesbürger unter Zöliakie, also einer Gluten-Unverträglichkeit. Laktoseintoleranz kommt bei rund 15 Prozent vor. Eine richtige Lebensmittelallergie wiederum haben dem DAAB zufolge lediglich zwei bis vier Prozent der Erwachsenen und vier bis acht Prozent der Kinder. Allerdings glauben inzwischen rund 30 Prozent der Deutschen, dass sie ein bestimmtes Lebensmittel nicht vertragen. „Es gibt also eine große Diskrepanz zwischen von Patienten wahrgenommenen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und den tatsächlich diagnostizierten“, sagt Sonja Lämmel vom DAAB.

Warum vermuten immer mehr Menschen, unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu leiden?

Viele Menschen beschäftigen sich heute viel intensiver mit ihrer Ernährung als früher. So kommen sie auch eher auf die Idee, körperliche Beschwerden auf Lebensmittel zurückzuführen. Internetforen, in denen man sich anonym über Beschwerden austauschen kann, tun ihr übriges. Und dann wird ohne ärztliche Beratung eine Allergie diagnostiziert, obwohl es sich vielleicht nur um eine Lebensmittelunverträglichkeit handelt – wenn überhaupt.

Was ist der Unterschied zwischen einer Lebensmittelallergie und einer -unverträglichkeit?

Bei einer Allergie reagiert der Körper auf normalerweise harmlose Stoffe aus der Umwelt wie beispielsweise Lebensmittel mit einer Abwehrstrategie. Die Beschwerden können vom leichten Jucken, Brennen und Schwellungen im Mundraum bis zum lebensbedrohlichen Kreislaufversagen im anaphylaktischen Schock reichen. „Bei einer Allergie müssen in der Regel betroffene Lebensmittel gemieden werden, teilweise können ja schon kleinste Mengen heftige Reaktionen hervorrufen wie etwa bei der Erdnuss“, sagt Vanessa Holste, Ernährungsexpertin von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Und wie ist das bei einer Lebensmittelunverträglichkeit?

Bei einer Unverträglichkeit ist das körpereigene Abwehrsystem nicht beteiligt. Der Körper hat lediglich nicht genug von bestimmten Enzymen oder Transportproteinen, um Bestandteile der Nahrung, wie beispielsweise Laktose, Fruktose und Histamin abzubauen oder in den Körper aufzunehmen. Bemerkbar macht sich das mit Durchfällen, Bauchschmerzen und Blähungen. „Bei Unverträglichkeiten wie beispielsweise der Laktoseintoleranz ist es häufig nicht notwendig, ganz auf Laktose zu verzichten. Es kommt auch auf die Menge und die Kombination mit anderen Lebensmitteln an“, sagt Vanessa Holste.

Warum boomt der Markt für „Frei-von“-Lebensmittel dann so?

Laktose- und glutenfreie Lebensmittel nehmen in den Supermärkten inzwischen ganze Regale ein. „Weil sie „frei von“ etwas sind, wird der Eindruck erweckt, sie seien gesünder als Vergleichsprodukte“, sagt Ernährungsexpertin Vanessa Holste. Aussagen von Prominenten oder Influencern tun ihr übriges – und schon werden die teuren Produkte in den Wagen gelegt, obwohl beim Käufer keine Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit vorliegt. „Für Gesunde haben die laktosefreien und glutenfreien Produkte aber keinen Mehrwert“, sagt Vanessa Holste. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK zufolge kaufen 9,4 Millionen Haushalte laktosefreie Produkte – nur 18 Prozent davon sind Personen mit Laktoseintoleranz. Auch glutenfreie Lebensmittel kaufen überwiegend Menschen, die keine Probleme mit Gluten haben. „An Zöliakie leidet nur etwa ein Prozent der Bevölkerung“, sagt Vanessa Holste.

Wie funktionieren Ernährungs-Apps, die vor Gluten, Laktose oder Fruktose warnen?

Die App-Angebote heißen „All I can eat“, „Histamin, Fructose und Co.“, „Soosee“, „Codecheck“ oder „Health me“ und wollen den Nutzern dabei helfen, bestimmte Inhaltsstoffe in Lebensmitteln zu erkennen und dadurch meiden zu können. Bei der „Health-me“-App beispielsweise kann der Nutzer eingeben, welche Inhaltsstoffe er nicht verträgt oder worauf er verzichten möchte. Beim Einkauf scannt er dann den Barcode der Lebensmittel mit dem Smartphone. Dort sind die Inhaltsstoffe hinterlegt. Stimmt eine Zutat mit dem überein, was der Kunde meiden möchte, wird er von der App entsprechend gewarnt. „Kunden bekommen so eine schnelle und einfache Einschätzung des Produkts. Zusätzlich werden auf der Auswertungsseite Alternativ-Produkte vorgeschlagen und Inhaltsstoffe sowie Herstellerinformationen angezeigt“, sagt Studentin Victoria Noack, Erfinderin der „Health-Me“-App. Bei anderen Apps wie „Histamin, Fructose und Co.“ wird dem Nutzer angezeigt, wie viel Laktose beispielsweise ein Milchkaffee enthält oder wie viel Fruktose eine Kirsche.

Was bringen solche Apps?

Experten sehen die Angebote aus mehreren Gründen kritisch. „Entscheidend ist die Aktualität der Daten, insbesondere für Allergiker“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie-und Asthmabund. Denn Zutatenlisten von Lebensmitteln könnten sich schnell und oft ändern – und womöglich in der App noch nicht entsprechend hinterlegt sein. „Wer schon auf kleine Mengen einer Zutat allergisch reagiert, muss deshalb trotzdem immer noch auf die Zutatenliste schauen“, sagt Sonja Lämmel. Die Datenbank, aus der die App „Health Me“ ihre Daten bezieht, wird Victoria Noack zufolge einmal wöchentlich aktualisiert.

Was spricht noch gegen die Apps?

Ein weiterer Kritikpunkt der Experten ist, dass die Apps nicht die gesamte Ernährung im Blick haben – und deshalb insbesondere bei Lebensmittelunverträglichkeiten zu unnötigem Verzicht raten. Ernährungsexpertin Sonja Lämmel erklärt das mit folgendem Beispiel: Eine App für Fruktose-Unverträglichkeit würde eine Obstsorte wie zum Beispiel die Birne, immer mit „Unverträglich“ kennzeichnen, da ein gewisser Anteil an Fruchtzucker enthalten ist. Wird die Birne jedoch in einer Quarkspeise gegessen, kann sie in Kombination mit Fett und Proteinen sehr wohl verträglich sein. „Denn dadurch erhöht sich die Verweildauer im Magen. Aber solche Zusammenhänge kann keine App darstellen“, sagt Sonja Lämmel. Der Betroffene verzichtet also auf die Birne, weil es die App angibt. „Mittlerweile wissen wir aber, dass ein strikter Verzicht nach schwarz und weiß, also geht oder geht nicht, mehr schadet als hilft“, sagt Sonja Lämmel.

Und was tut man dann, wenn man vermutet, bestimmte Lebensmittel nicht zu vertragen?

„Statt voreilig die Ernährung einzuschränken oder einer App die Auswahl geeigneter Lebensmittel zu überlassen, würde ich eine individuelle Ernährungstherapie empfehlen“, sagt Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund. Zusammen mit einem Arzt oder Ernährungsexperten könne man so herausfinden, ob tatsächlich eine Erkrankung zugrunde liegt oder vielleicht nur ein ungünstiges Essverhalten. „Manchmal reicht es schon, eine gesunde und ausgewogene Lebensmittelauswahl zu treffen und die Kochkompetenz zu stärken“, sagt Sonja Lämmel.

Vorsicht bei Ernährungs-Apps

Der Markt für Gesundheits-Apps ist enorm, allein in Deutschland stehen mehr als 100 000 Anwendungen zur Verfügung. Fast die Hälfte der Deutschen nutzt mindestens ein solches Programm. Besonders beliebt sind dem Landeszentrum für Ernährung Baden-Württemberg zufolge Apps zum Thema Ernährung wie Diätplaner, Kalorienzähler, Wassertracker oder Apps für Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Da es bislang kaum anerkannte und standardisierte Kriterien für Ernährungs-Apps gibt, sind sie dem Landeszentrum für Ernährung zufolge mit Vorsicht zu genießen. Häufig vermitteln die Apps demnach keine wissenschaftlich fundierten Inhalte, stattdessen steckt ein kommerzielles Interesse dahinter. Denn grundsätzlich kann jeder Apps entwickeln und im Netz anbieten. „Man sollte bei solchen Apps deshalb immer darauf achten, wer diese herausgibt, ob der Herausgeber vertrauenswürdig ist, oder die App eher für die Sammlung von persönlichen Daten benutzt wird“, sagt Ernährungsexpertin Vanessa Holste von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. (sam)

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