Kalabrien: Urlaubsparadies zwischen zwei Meeren

Lesedauer: 8 Min

Weitere Informationen im Internet unter www.turiscalabria.it (auch in deutscher Sprache).

Die Recherche wurde unterstützt von der örtlichen Reiseagentur Valentour, dem Reiseveranstalter Dertour (www.dertour.de), der verschiedene Reisen in Kalabrien anbietet, und Condor, die zweimal wöchentlich zum Beispiel ab München nach Lamezia Terme fliegt.

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Kalabrien gilt als arm und abgehängt – für Touristen ist diese süditalienische Region an der Stiefelspitze trotzdem ein Traumziel.

Ganz unten – das bezeichnet nicht nur die geografische Lage Kalabriens im tiefen Süden Italiens, an der Stiefelspitze kurz vor Sizilien. Ganz unten rangiert diese Region auch im Ansehen bei vielen Italienern. Kalabrien gilt als abgehängt, als ärmste Gegend des Landes. Nirgendwo sonst in Bella Italia ist die Arbeitslosigkeit mit fast 30 Prozent so hoch wie hier. Frust und Abwanderung sind die Folge. Eine Menge Macht hat die Mafia, die hier ’Ndrangheta heißt, besonders fettig pomadisiert im teuren Cabrio sitzt und sogar die Gangsterbosse in Neapel das Fürchten lehrt.

Filmreife Szenen

Trotzdem ist das Stiefkind an der Stiefelspitze eine Reise wert. Vor allem für jene, die das authentische, das ursprüngliche Italien suchen und von der ach so kultivierten Toskana oder dem ach so edlen Veneto genug gesehen haben. In Kalabrien lässt nicht nur der Stromboli (der eigentlich schon zu Sizilien gehört) regelmäßig die Erde beben, hier pulsiert das pure italienische Leben. Am Lido, in Trattorien, auf der Piazza sowieso. Und das ganz ohne Massentourismus. Wen kümmert’s, dass die engen kurvigen Bergstraßen löchrig sind wie Schweizer Käse, an den alten Stadtpalazzi der Putz bröckelt und in so mancher Ecke Plastikmüll liegt, wenn die Sonne 300 Tage im Jahr scheint, das Wasser türkis schimmert, die Strände mit hellem Sand bedeckt sind? Szenen, die an Sophia-Loren-Filme erinnern, spielen sich in Kalabrien immer und überall ab. Hier knattern Vespas durch enge Gassen, dort überquert eine schwarz gekleidete Nonna gemütlich die Hauptstraße (molto pericoloso!), anderswo sitzen elegante Italienerinnen in der Bar beim Aperitivo, während aus dem Fenster im zweiten Stock die Mamma in der Kittelschürze ihre Bambini zum Abendessen ruft. Und das Kläffkonzert der Straßenköter läutet die Nacht ein.

Kalabriens touristisches Herz schlägt vor allem an der Costa degli Dei, der Küste der Götter am Tyrrhenischen Meer. Mit den Orten Tropea und Pizzo besitzt sie zwei Urlaubsdestinationen erster Güte. Wie auf einem Balkon thronen beide auf einem Felsen und geben den Blick frei auf ein fantastisches Meer und romantische Badebuchten. Mag Kalabrien auch als das schmutzige Ende Italiens gelten, sein Meer ist so sauber, dass die Umweltorganisation Liga Ambiente jedes Jahr Bestnoten für die Qualität des Wassers vergibt. Leuchtend türkis schimmert es vor allem am nahen Capo Vaticano mit seinen schroffen, fast 300 Meter hohen Felsklippen, das als schönster Küstenabschnitt Kalabriens berühmt ist. Reiseführerin Claudia kann die besonders intensive Farbe des Meerwassers einleuchtend erklären: Eine wunderschöne Prinzessin, die stets einen türkisfarbenen Schleier trug, lebte einst am Capo Vaticano. Sie wurde von Piraten entführt und auf ein Schiff gebracht. Tags drauf stand sie an Bord, sprang mitsamt ihrem Schleier ins Wasser und verschwand in den Wellen. Ihre letzten Worte waren: „Eine kalabrische Frau zieht den Tod vor, bevor sie ihre Ehre verliert.“ Und das Wasser färbte sich türkis.

Noch eine andere Farbe bestimmt das Leben in und um Tropea: Rot. Denn dort, und nur dort, gedeiht die Cipolla rossa, eine milde rote Zwiebel. Zu Zöpfen geflochten hängen die Cipolle di Tropea kiloweise an den Wänden der Feinkostgeschäfte in der Innenstadt und sind sowohl beliebtes Fotomotiv als auch Souvenir. Klein geschnitten verleihen sie vielen Gerichten a la calabrese den letzten Schliff, gefüllt mit Hackfleisch geben sie eine komplette Mahlzeit, als Zwiebelgemüse eine wunderbare Beilage ab. Selbst köstliche Marmelade wird aus ihnen gekocht.

Das Land an der Stiefelspitze liegt zwar zwischen zwei Meeren (ionisches und tyrrhenisches) und hat eine fast 800 Kilometer lange Küste, ist aber landwirtschaftlich geprägt. Industrie gibt es kaum, der Tourismus hält sich in Grenzen, und in Italiens größtem Containerhafen Gioia Tauro legen nach vielen Skandalen nur noch wenige Schiffe an. Neben den roten Zwiebeln werden auf fruchtbarem kalabrischem Boden scharfe Peperoncini angebaut sowie Oliven und Zitrusfrüchte, unter anderem die seltenen Bergamotten, geerntet. Entsprechend deftig und einfach ist das Essen, vor allem, wenn man die Küste und damit die Fischküche verlässt und ins bergige, grüne Hinterland fährt. Dort ist unter anderem das kalabrische Schwein zu Hause, eine Mischung aus Hausschwein und Wildsau. Fett (280 Kilo), schwarz und faul döst Eber Carlos auf einem Bauernhof nahe Spilinga in der Sonne und genießt sein Gnadenbrot. Er hat in seinem Leben unzählige Ferkel gezeugt, aus deren Fleisch später die würzige Streichsalami ’Nduja hergestellt wurde. Sie ist nur eine der vielen kalabrischen Spezialitäten, zu denen auch Steinpilze, unterschiedliche Antipasti, viele Käsesorten aus Schafsmilch, die einfachhalber alle nur Pecorino genannt werden, und die hausgemachten Fileja (Nudeln) zählen.

Tartufo-Eis aus Pizzo

Auch das Tartufo-Eis ist eine Spezialität der Region, womit wir wieder an der Küste wären. Denn erfunden wurde es in Pizzo, der Legende nach für den Besuch von Margaretha von Savoyen, verheiratet mit Umberto I., der von 1878 bis 1900 König von Italien war. Für die edle Dame aus dem Piemont wollten die Pizzoler etwas schaffen, das eine Verbindung zu ihrer Heimat herstellte. Das Tartufo (Trüffel)-Eis schien ideal. Am besten genießen lässt es sich auf der belebten Piazza della Repubblica zum Beispiel in der Gelateria Artigianale Bar Dante. Angestellte demonstrieren, wie die Schokoeiskugel mit dem flüssigen Kern hergestellt wird.

Als kleiner Verdauungsspaziergang bietet sich der kurze Weg bis zum Kastell an, in dem Napoleons Schwager Gioacchino Murat, besser bekannt als König von Neapel, bis zu seiner Hinrichtung am 13. Oktober 1815 eingesperrt war. Wohlgemerkt in einer Zelle mit Meerblick. Was bei uns wiederum schnell die Lust auf den Lido weckt.

Weitere Informationen im Internet unter www.turiscalabria.it (auch in deutscher Sprache).

Die Recherche wurde unterstützt von der örtlichen Reiseagentur Valentour, dem Reiseveranstalter Dertour (www.dertour.de), der verschiedene Reisen in Kalabrien anbietet, und Condor, die zweimal wöchentlich zum Beispiel ab München nach Lamezia Terme fliegt.

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