Kabarett mit Kasperle und Kanzlerin

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Die Marionette der Augsburger Puppenkiste von Bundeskanzlerin Angela Merkel macht nun die Raute.
Die Marionette der Augsburger Puppenkiste von Bundeskanzlerin Angela Merkel macht nun die Raute. (Foto: Fred Schöllhorn)
Politikredakteur/Assistent der Chefredaktion

Kasperle fragt nicht: „Kinder, seid ihr schon da?“ Kasperle fragt: „Krieg in Syrien: ja oder nein?“ Er singt nicht „Tri tra trullala“, sondern stellt fest: „Es gibt nur zwei Lager heutzutage, das der besorgten Bürger und das der Gutmenschen.“ Wenn sich der zipfelmützige Schelm zu solch trübsinnigen Aussagen hinreißen lässt, kann etwas nicht stimmen. Spätestens, als CSU-Parteichef Horst Seehofer den Grünen-Politiker Anton Hofreiter kurz darauf von einem Kreuzfahrtschiff wirft und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit der Schiffskanone rumballert, weiß der Zuschauer: Das muss Kabarett sein.

Dieses (doch recht unwahrscheinliche) Szenario ist Teil des aktuellen Kabarettprogramms der Augsburger Puppenkiste. Gezeigt wird es bis zur Sommerpause im Juli, neben Kinderklassikern wie „Das hässliche Entlein“, „Rumpelstilzchen“ oder „Aladin und die Wunderlampe“.

Markus Söder, ein Papagei

Das Idol vieler Kinder, das Kasperle, wird darin zum Chronisten der Gegenwart. Zum Beobachter einer Welt, in der es mehr gibt als das Krokodil und den Polizisten. In der es eben Zank gibt zwischen verschiedenen Politikerfiguren. Und der findet in der Augsburger Puppenkiste nicht im Parlament, sondern auf einem Kreuzfahrtdampfer statt. Auf dem hat Kapitänin Merkel das Sagen. Sie befiehlt: „Volle Kraft voraus. Wir schaffen das.“ Der bayerische Finanzminister Markus Söder hat sich in einen Papagei verwandelt, der Merkel alles nachplappert. Skeptiker Seehofer warnt vor den flüchtigen Eisbergen und fordert einen Kurswechsel nach rechts.

„Das Kabarett gibt es bei uns seit mittlerweile 65 Jahren“, erzählt Puppenkisten-Chef Klaus Marschall. Er führt das Theater seit 1992 in der dritten Generation der Familie Marschall-Oehmichen. „Eigentlich sollte es damals nur ein netter Silvesterabend werden.“ Gespielt habe man das Programm dann aber bis Fasching. Jedes Jahr gibt es eine neue Ausgabe, die stets vom ganzen Team erstellt wird.

120 Figuren sind es im Kabarett 2016. Die dienstälteste Politiker-Puppe ist Angela Merkel. Sie ist sichtlich in die Jahre gekommen – obwohl sie kürzlich ein neues Gesicht bekommen hat. „Wir haben Merkel nach 20Jahren erneuert“, sagt Marschall. Ihre Mundwinkel ragen nun so weit nach unten, dass sie beinahe auf einer Höhe mit ihrer Kinnspitze liegen. Auch kann sie nun ihre berühmte Raute machen. Jürgen Marschall hat dafür das Skalpell angelegt. „Wir haben Merkel schon ins Programm genommen, da war Helmut Kohl noch Kanzler“, erzählt sein Bruder Klaus Marschall.

Es fehlen „echte Typen“

Kohl spielt keine Rolle mehr. Für Ersatz zu sorgen, sei schwieriger geworden. „Wir tun uns schwer daran, neue Politiker für das Programm zu finden.“ Es fehlten die „echten Typen“, wie einst Franz-Josef Strauß oder Herbert Wehner. „Gysi ist mit seinem Berliner Dialekt noch leicht zu erkennen. Seinen kabarettistischen Wert haben wir aber erst spät bemerkt“, erklärt der 54-Jährige.

Politische Satire ist nichts Ungewöhnliches – wenn sie von Puppen gespielt wird, jedoch schon. Was die Holzkabarettisten von jenen aus Fleisch und Blut unterscheidet? „Schon ein Kasperle kann einem Wahrheiten um die Ohren hauen, die man einem Menschen nicht unbedingt verzeihen würde. Das ist bei den Politikern genauso“, weiß Marschall. Wer es aus dem Politikbetrieb in die Puppenkiste schafft, ist Teil des 38 Szenen starken Programms. Und das ist, obwohl die Puppen niedlich anmuten möchten, nichts für Kinder. „Es beginnt bewusst so spät, damit Erwachsene kommen.“

An einem Kabarettabend sitzen auf den 222 Plätzen des Theaters tatsächlich größtenteils Gäste, die die Volljährigkeit vor langer Zeit erreicht haben. Auch die ersten Zuschauer des Puppentheaters waren keine Heranwachsenden. 1940, Calais: Walter Oehmichen ist als Soldat in einer Schule stationiert. Dort entdeckt er ein kleines Puppentheater. Mit dem Marionettenspiel bietet Oehmichen seinen Kameraden eine Abwechslung vom Kriegsalltag. Ein geistiges Asyl in einer Zeit, in der Kriegslärm das Grundrauschen ist und die Phantasie der Menschen noch nicht übersättigt ist von den Reizen aus Fernsehen, Internet und Kino. Die Bühne ist schon immer der Sehnsuchtsort des studierten Schauspielers Oehmichen gewesen.

Sein Traum von einem eigenen Puppentheater wächst heran. 1943 baut er den Puppenschrein, der jedoch vom alliierten Bombenhagel auf Augsburg am 25. Februar 1944 zerstört wird. Als Oehmichen im Herbst 1944 zum zweiten Mal zum Krieg eingezogen wird, dann aber aufgrund einer Mandelentzündung im Lazarett landet, lernt er einen Holzbildhauer kennen. Der bringt ihm das Schnitzen bei. Nach der Kriegsgefangenschaft bastelt Oehmichen neue Puppen und eine Bühne. Mobil soll sie sein, und in eine Kiste passen – in die „Augsburger Puppenkiste“.

Die Stadt überlässt Oehmichen das alte Heilig-Geist-Spital (in der Spitalgasse 15 sitzt das Theater noch heute). Am 26. Februar 1948 wird die Premiere der neuen Spielstätte gefeiert: Der erste Star ist „Der gestiefelte Kater“.

Tochter Hannelore Oehmichen heiratet 1957 Hanns-Joachim Marschall. Gemeinsam übernehmen sie 1973 die Leitung der „Augsburger Puppenkiste“. Ihre Darsteller heißen nicht Gustaf Gründgens, Hans Albers oder Romy Schneider, sondern „Urmel aus dem Eis“, „Kater Mikesch“ oder „Jim Knopf und Lukas“. Es sind märchenhafte, phantastische Welten, die die Puppenkiste zeigt.

Die gibt es auch beim Kabarett. Eine Alien-Band eröffnet den Abend, leicht bekleidete Puppen tanzen Limbo, Lamas in bunten Ponchos spielen wie tollwütig südamerikanische Musik. Das Interieur eines Schlafzimmers, Vorhänge, Tisch, Stuhl, erwachen während der Nachtruhe ihrer Besitzerin zum Leben und feiern eine wilde Fete. Es sind aufwendig choreografierte Szenen, in denen die Puppenspieler die Fäden durch ihre Fingerfertigkeit beinahe verschwinden lassen.

Diese Kreativität macht die Puppenkiste auch kurz nach ihrer Gründung in ganz Deutschland berühmt. Ab 1953 laufen die Geschichten im Fernsehen. Das macht sie über die Stadtgrenzen Augsburgs hinaus bekannt. Mehr als 60 Filme und unzählige Serien gehören mittlerweile zum Fundus. Die Puppenkiste wird so Teil der Identität Augsburgs, zu einer ihrer bekanntesten Töchter. Im Laufe der Jahrzehnte machen die Figuren und Geschichten die Puppenkiste zu einem der wichtigsten Augsburger Kulturexporte. „Urmel“ schafft es aus dem Eis sogar in die Wüste, auch in Kuwait wird die Geschichte des sprechenden Dinosauriers aufgeführt.

Doch gezeigt werden stets nicht nur die Geschichten für Kinder. Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“, „Der Prozess um des Esels Schatten“ von Friedrich Dürrenmatt oder Mozarts schlüpfrige Oper „Don Giovanni“ gehören mittlerweile ebenfalls zum Repertoire. „Auch in der neuen Spielzeit wird es wieder Stücke für Erwachsene geben“, sagt Marschall.

Authentische Stimmen

Linken-Politiker Gregor Gysi rät Horst Seehofer auf der Bühne indes zu einer Augenklappe, da der CSU-Chef „auf dem rechten“ blind sei. Und schlägt einen Linkskurs vor. „Vorsicht, Gefahr von rechts“, warnt er zudem. „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Lügenpresse, halt die Fresse“, tönt es aus der Ferne. Doch die scheinbar gekenterten Pegida-Anhänger lässt das Regierungs-Schiff links liegen.

„Gabriel heizt noch mit Braunkohle“, petzt Matrose Anton Hofreiter. Gabriel ist, wie könnte es anders sein, Schiffskoch. Als der Dampfer einen Eisberg rammt, muss er das Leck mit seinem Hintern stopfen. Das Puppentheater ermöglicht solche szenischen Blödeleien, die im sprachzentrierten Kabarett nicht möglich sind. In dieser Welt aus Pappe und Holz sind es keine Menschen, die parodieren und imitieren, sondern die kleinen Konterfeis der Politiker. Ihre Stimmen sind so gut imitiert, dass man kurz glaubt, hinter der Bühne würden die Originale die Figuren synchronisieren.

Mal albern, mal politisch

Die Witze, die während der Umbaupausen aus dem Off erzählt werden, sind oft albern. Das gehört zum Kabarett, das darf bei einem Programm mit 38 Sketchen auch sein. Da heißt es beispielsweise: „Wenn Veganer auf Ei verzichten, womit panieren sie ihre Schnitzel?“ Aber eben auch, dass Weihnachtsbäume jetzt „extrem beleuchtetes Nadelgehölz mit Religionshintergrund“ genannt werden, mit Blick auf die sprachliche „Political Correctness“ anno 2016.

Da mahnt der Kasper vor der Pause, mit dem Handy keine Videos zu drehen. Es sei doch schöner, nicht alles durch ein kleines Smartphone-Display zu sehen. Außerdem spare man sich den Speicherplatz, um vom nächsten Verkehrsunfall einige Clips drehen zu können. Sprach’s, und verabschiedet die Zuschauer in die Halbzeit – und zum Beweis schießen sie einige „Selfies“.

Merkel, Hofreiter und Seehofer bekommen von alledem nichts mehr mit. Sie hängen gemeinsam hinter der Bühne rum. Und, das ist ungewöhnlich, sie schweigen.

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