Julian Barnes stellt großen Fragen

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Julian Barnes
Der britische Schriftsteller Julian Barnes erzählt vom Niedergang einer Partnerschaft durch Alkohol. (Foto: Christian Charisius / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Thomas Borchert

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“ Mit einer großen Frage startet Julian Barnes seinen neuen Roman „Die einzige Geschichte“.

Der Ich-Erzähler erklärt sie zu der „am Ende einzig wahren“, ehe er die Geschichte seiner ersten, einzigen, trostlos gestrandeten Liebe nach 50 Jahren noch einmal auszugraben versucht. Sie ist für ihn das eine „erzählenswerte Ereignis von Bedeutung“ in seinem Leben.

Die einzige Geschichte eben, ein Kind des Zufalls, der in den frühen 60ern beim Tennisturnier in einem verschlafenen Nest südlich von London den 19-jährigen Paul und die knapp 30 Jahre ältere Susan zusammenbringt. Aus dem Mix-Doppel wird ein Liebespaar, von Pauls Eltern aktiver bekämpft als von Susans betrogenem Ehemann, einem hin und wieder auch zuschlagenden Trinker. Auch beide Töchter des Paares, älter als der Liebhaber der Mutter, akzeptieren das Arrangement. Barnes lässt Paul am anderen Ende des Lebens in seinen Erinnerungen graben und nüchtern Funde ausbreiten. Erwachsen werden wollte er damals wohl vor allem, wird er im Abstand von einem halben Jahrhundert schlussfolgern.

Wie es war mit dem Sex zwischen dem unerfahrenen jungen Mann und der vom Ehegatten als „frigide“ abgehakten Frau kurz vor dem 50. Geburtstag, lässt Barnes seinen Ich-Erzähler unaufgeregt und klischeefrei erzählen. Gut war offenbar auch anderes, denn das Paar zieht in Pauls Londoner Studentenbude zusammen. „Wir haben zehn oder mehr Jahre zusammengelebt - unter demselben Dach“, notiert der Erzähler, um im selben Absatz ansatzlos trocken mitzuteilen, dass Susan seit ein paar Jahren tot sei und er sie nicht in guter Erinnerung behalten könne. So sehr er sich auch anstrenge.

Auf diesen Granateneinschlag aus dem Nichts folgt die Geschichte vom Niedergang der Partnerin durch Alkohol und psychische Krankheit, bis sie im Heim für die ganz harten Fälle endet. Paul wechselt in ganz anderer Tonlage vom „ich“ zum selbstkritischeren „du“, wenn er die Umwandlung der Liebe in „eine Mischung aus Mitleid und Zorn“ bei sich beschreibt. Der Drang zur Flasche erweist sich stärker als alles andere. Es läuft eben wie in all den Fallbeispielen mit Alkoholikern samt hilflosen Partnern. So liest sich jetzt streckenweise auch Pauls Niederschrift mit seltsam banalen, formelhaften Umschreibungen für die im ersten Teil hochinteressante und komplexe Hauptperson Susan, deren „seelische Unschuld“ „verunstaltet wurde: vollgekrakelt mit den wilden Graffiti des Alkohols“.

Im dritten Teil über sein späteres Leben ohne Susan, mit halbherzig angefangenen und schnell wieder beendeten Beziehungen zu anderen Frauen, bedient sich Paul des vollkommen distanzierten, aber auch abgeklärteren „er“ bei der Selbstbeschreibung. Sein „Herz, ja sein Herz war verödet“, diagnostiziert er im Rückblick auf sein Leben ohne Susan, mit dem er sonst nicht unzufrieden ist. Die große Frage ganz vom Anfang hat er damit entweder beantwortet - oder unterwegs wieder vergessen.

Als Erinnerungsarbeit eines alten Mannes an vergrabene und doch für immer prägenden Liebeserfahrungen ganz junger Jahre erinnert „Die einzige Geschichte“ auch im melancholisch abgeklärten Grundton an Barnes’ großartigen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ (2011). Der fesselt mit zunehmender Seitenzahl immer mehr, während dieser Geschichte nach dem ersten Drittel, also viel zu früh, die Puste ausgeht.

Julian Barnes: Die einzige Geschichte, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 304 Seiten, 16,99 Euro, ISBN, 978-3-462-31940-8.

Die einzige Geschichte

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