John Neumeiers Begegnungen mit Japan

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Deutsche Presse-Agentur

Als der Vorhang zur Pause fällt, erklingt ein kurzer, eher höflicher Applaus. Dann kehrt wieder Ruhe ein, die Besucher erheben sich von ihren Sitzen und schreiten murmelnd ins Foyer.

„Ich war in dem Moment völlig verunsichert“, beschreibt John Neumeier seine Gefühle während der Aufführung seines Werkes „Die kleine Meerjungfrau“ in Japan. Zum sechsten Mal sind er und sein Ballett der Hamburger Staatsoper im Land der aufgehenden Sonne, doch es ist das erste Mal, dass sie dort „Die kleine Meerjungfrau“ zeigen. Wie werden die Japaner es aufnehmen?

Dann der erlösende Moment: So ruhig, so konzentriert und damit so undurchschaubar das japanische Publikum während des Stückes war, so stark ist der Jubel am Ende. „Das ist, was ich an den Japanern sehr liebe“, erzählt Neumeier erleichtert am Morgen nach der Premiere in Tokio. „Diese Art, sich zurückzuhalten, gefällt mir sehr gut, weil es ein bisschen auch meine Art ist“, sagt er. Hinzu komme die „starke Konzentration“ der Japaner auf eine Vorstellung. Sie hätten einen wahren „Drang“, eine Aufführung zu erleben. Sie kämen sehr früh zur Vorstellung, und wer spät dran sei, eile „sehr schnell“. „Man sagt, Japaner seien emotionslos, ich empfinde das Gegenteil“, sagt Neumeier.

Neumeier in Japan - das ist die Begegnung eines Mannes mit einem Land, das ihn seit langer Zeit fasziniert und eine Quelle der Inspiration ist. Viele Elemente in Choreographie, Kostüm und Musik für „Die kleine Meerjungfrau“ sind dem traditionellen japanischen Theater - No und Kabuki - entliehen. „Es ist eine Form von Theater, die ich sehr liebe“, erzählt Neumeier. Einerseits die bezaubernde Schönheit dieser jahrhundertealten Schauspiele mit ihrer Fülle an poetischen Anspielungen und den sehr langsamen und zugleich äußerst elegant wirkenden Tänzen, zugleich aber die sehr starke Konzentration, die sie vermitteln.

Statt „nach außen zum Publikum hin“ zu spielen, tragen die Darsteller beim No-Theater eine Kraft in sich, die das Publikum spüre und von der es angezogen werde wie ein Magnet. In seiner knappen Freizeit während der Japan-Tournee begibt sich Neumeier gerne mit seiner Dolmetscherin Mariko Deguchi, die seit seinem ersten Besuch in Japan vor vielen Jahren „meine Stimme“ ist, auf die Suche nach immer neuen Büchern über No und Kabuki für seine bereits 13 000 Werke umfassende Privatsammlung zum Tanz. Zu den schönsten Erlebnissen in Japan zähle für ihn „das Gefühl, dass hier durch echte Emotion eine wortlose Kommunikation stattfindet“.

Beeindruckt ist Neumeier auch von der hohen Bedeutung, die die Jahreszeiten für die Japaner haben. Sei es bei der Zubereitung eines Gerichts, wo neben den Zutaten auch das Geschirr passend zur Jahreszeit gewählt wird, oder in der Dichtkunst Haiku. Beides inspirierte Neumeier zu seinen Werken „Seven Haiku of the Moon“ und „Seasons - The Colors of Time“, die er für das Tokioter Ballett schuf. Diese beiden Werke will er nun zusammen mit einer neuen Kreation am Ende der kommenden Spielzeit im Juli 2010 auch in Hamburg aufführen, zusammen mit fernöstlicher und westlicher Musik, wie die Deutsche Presse-Agentur dpa in Tokio erfuhr.

Neumeier versteht seine Kunst auch als eine Art Brücke zwischen West und Ost, jedoch nicht durch schlichtes Kopieren, sondern durch die Schaffung völlig neuer Werke. „Es darf nicht so sein, dass man das als japanische Dekoration für ein westliches Werk verwendet, sondern es muss eine neue Übersetzung darstellen“, so Neumeier. Seine Faszination für die fernöstliche Theater- und Tanzkunst reicht bis in seine Studienzeit zurück. „Mein wichtigster Lehrer war ein Jesuit, der sechs Monate vor Ort japanisches Theater studiert hatte. „Er war so begeistert und diese Begeisterung ging in sehr jungen Jahren auf mich über. Es hat in mir etwas geweckt“, erinnert sich der heute 66-jährige Star und lächelt.

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