John Neumeier bleibt bis 2015 in Hamburg

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Deutsche Presse-Agentur

Als John Neumeier 1969 von Stuttgart nach Frankfurt wechselte, war er mit 27 Jahren der jüngste Ballettdirektor Deutschlands. Heute ist der Intendant des Hamburg Balletts mit 66 Jahren der dienstälteste Ballett-Chef der Welt.

Am Montagnachmittag verkündete Neumeier zusammen mit Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos), dass er von der Verlängerungsoption in seinem Vertrag Gebrauch macht und bis 2015 bleiben wird. Dann wäre er 73 Jahre alt - und würde 2013 sein 40. Hamburg-Jubiläum feiern.

Sein Start in Hamburg 1973 begann mit einem Skandal. Der 31-jährige Amerikaner hatte es gewagt, die Verträge von 16 Tänzern nicht zu verlängern. Erst langsam eroberte er die Herzen der Hanseaten, die erste Ballett-Werkstatt habe das Eis gebrochen, erinnerte sich Neumeier bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde 2007. „Als ich versuchte, emotional dem Publikum "Klassische Technik in der modernen Choreographie" zu erklären, hatte ich auf einmal meinen Text vergessen, entschuldigte mich, und während ich meine Notizen suchte, wurde ich vom warmen Applaus des Publikums überrascht. Mein Herz ging auf - für das kühle nordische Publikum, vor dem man mich gewarnt hatte.“

Seither verbindet Neumeier und die Hanseaten eine „Liebesbeziehung mit allen Höhen und Tiefen, mit Spannungen und Ärgernissen, aber auch mit Höhenflügen und unbeschreiblichen Glückmomenten“, wie es eine Hamburger Kultursenatorin einmal ausdrückte. Und sie wird auch hier - trotz zahlreicher verlockender Angebote aus aller Welt - enden.

In den 36 Jahren, die Neumeier das Hamburg Ballett leitet, führte er die Compagnie zu Weltruhm: in seinen mehr als 130 Choreographien, mit seiner einzigartigen Handschrift - zwischen visionärem Tanz und klassischer Ballett-Tradition. Er hat dem Ballett neben Klassiker-Adaptionen wie „Romeo und Julia“, „Dornröschen“ oder „Illusionen - wie Schwanensee“ Weltliteratur erschlossen, schuf „Die Kameliendame“, „Tod in Venedig“ und eine Reihe von Shakespeare-Balletten. Zudem wagte er sich mit seinem auf der klassischen Technik basierenden, aber durch moderne Bewegungen aufgebrochenem Vokabular an Kompositionen, die bis dahin als „untanzbar“ galten: Werke von Gustav Mahler, die „Matthäus-Passion“ oder auch das „Requiem“ von Mozart.

„Ein Choreograf arbeitet mit dem wichtigsten und kostbarsten Material, das es gibt: dem Menschen“, sagte Neumeier in einem dpa-Gespräch einmal. Neben seinen Choreografien war es dem Ballett-Chef, der sich auch für soziale Projekte wie Hamburg Leuchtfeuer oder das Herzzentrum engagiert, daher immer wichtig, beste Bedingungen für seine Compagnie auszuhandeln. Nach der Eröffnung der Ballettschule 1978 wurde 1989 das Ballettzentrum John Neumeier in einem denkmalgeschützten Gebäude von Fritz Schumacher eröffnet. Hier findet das Ballett mitsamt der Schule eine ideale Ausbildungs- und Probenstätte. Bei den aktuellen Verhandlungen mit der Kulturbehörde hat er nun auch die Zusage für eine zweite, kleinere und junge Compagnie mit Absolventen der Ballettschule erhalten.

„Der Moment, wo ich in einen Ballettsaal sehe, wenn ich den spannenden Dialog zwischen den Tänzern und mir beginne, das ist für mich persönlich die intensivste Form des Lebens“, hat Neumeier einmal gesagt. Wohl auch deshalb hat er bisher nie ans Aufhören gedacht. Allerdings macht er sich langsam auch Gedanken über einen Nachfolger. „Ideal wäre es allerdings, entweder einen kreativen Künstler zu finden oder jemanden, der die Kraft hätte, die Compagnie zu leiten, ohne dass er selber choreografiert“, sagte Neumeier in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“. „Er müsste intelligent und geschmackvoll sein, das Repertoire kennen und auch noch eine Vision haben für etwas anderes.“ All dies träfe auf seinen langjährigen ersten Solisten Lloyd Riggins zu. Aber noch sei es zu früh, um darüber zu sprechen, meinte Neumeier.

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