Japanischer Sektenführer hingerichtet

Lesedauer: 6 Min
 Shoko Asahara auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1990.
Shoko Asahara auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1990. (Foto: afp)
Angela Köhler

Der Mörder Shoko Asahara ist tot. Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem schockierenden Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn wurde der Chef der Endzeit-Sekte Aum Shinrikyo („Höchste Wahrheit“) am Freitagmorgen hingerichtet. Gleichzeitig vollstreckte die japanische Justiz gegen sechs weitere Mitglieder der neureligiösen Gruppierung die Todesstrafe. Sie wurden, wie Japans Regierungssprecher Yoshihide Suga mitteilte, gehängt.

Justizministerin Yoko Kamikawa erklärte auf einer Pressekonferenz in Tokio, die Höchststrafe sei angesichts der abscheulichen Verbrechen „unvermeidbar“ gewesen. Sie habe den Befehl zur Vollstreckung nach „gründlicher Abwägung“ gegeben. Japans Regierung beruft sich bei solchen Entscheidungen auch darauf, dass rund drei Viertel der Bevölkerung die Todesstrafe für Kapitalverbrechen oder Terroranschläge für angemessen halten. Die Tokioter Polizei wurde in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Man fürchtet mögliche Vergeltungsmaßnahmen der Aum-Nachfolgeorganisation Aleph.

Asahara und seine Anhänger stehen für das Trauma eines Landes, das am 20. März 1995 den Glauben an ein Leben in Sicherheit. An diesem Tag hatten Sektenmitglieder im morgendlichen Berufsverkehr von Tokio an Metrostationen und in U-Bahn-Waggons Plastiktüten mit Sarin aufgestochen und damit das tödliche Nervengas freigesetzt. Dieser bislang grausamste Anschlag auf die japanische Öffentlichkeit traf vor allem das Regierungsviertel der Megametropole. Mit dem Anschlag wollte die Sekte offenbar eine geplante Polizeirazzia gegen ihr Hauptquartier verhindern.

Die Bilder des Attentats gingen um die Welt. Betroffene kämpften mit tränenden Augen und Schaum vor dem Mund, rangen um Luft oder brachen zusammen. 13 Menschen kamen ums Leben, 6000 weitere Personen erkrankten zum Teil sehr schwer; manche leiden heute noch unter den Folgen. Wie bei den Ermittlungen klar wurde, hatte die militante Sekte bereits zuvor Attentate verübt. So versprühten Aum-Anhänger im Juni 1984 Giftgas in der Stadt Matsumoto. Dabei waren acht Menschen ums Leben gekommen. Nach dem Tokioter Anschlag ging die Polizei massiv gegen die Aum-Sekte vor. Im Mai 1995 wurde Shoko Asahara verhaftet und mit ihm weitere hochrangige Mitglieder dieser Sekte, die angeblich die Welt mit Gewalt „erlösen“ wollte.

In einem beispiellosen Prozessmarathon wurden der Gruppierung mindestens 13 Anschläge mit 29 Toten und Tausenden Verletzten nachgewiesen. Ein Tokioter Gericht verurteilte Shoko Asahara und zwölf seiner Anhänger 2006 wegen mehrfachen Mordes zum Tode.

Sieben Vollstreckungen

Insgesamt standen 191 Aum-Mitglieder vor Gericht. Das letzte Verfahren ging nach mehreren Berufungen erst im Januar 2018 zu Ende. Im März wurden dann sieben Todeskandidaten aus ihrer Haftanstalt in Tokio in andere Gefängnisse verlegt. Das ist in Japan, das trotz Protesten auch im eigenen Land an der Todesstrafe festhält, ein Indiz dafür, das die Hinrichtung durch den Strang bevorsteht. Sieben Vollstreckungen auf einen Schlag sind jedoch auch hier eine Seltenheit.

Viele Überlebende und Familien von Opfern reagierten auf die Exekution erleichtert, aber auch enttäuscht. Die Hinrichtung Asaharas schließe das Kapitel schockierender Verbrechen und dramatischer Ereignisse um die Aum-Sekte, schreibt die Tageszeitung „Japan Times“. Es blieben aber auch viele kritische Fragen unbeantwortet, weil Asahara während seines gesamten Prozesses niemals die Motive für seine Verbrechen erklärt habe.

Der 63-Jährige, dessen bürgerlicher Name eigentlich Chizuo Matsumoto war, habe entweder geschwiegen oder nur Unverständliches vor sich hin gebabbelt. Der einst wie ein Guru verehrte Mann mit Zottelhaaren und -bart soll auch jeden Versuch von Opfern für ein Treffen abgelehnt haben. Für ihn bedeute die Hinrichtung lediglich „eine Art Abschluss“, sagt der Filmemacher Atsushi Sakahara, der bei dem Tokioter Sarin-Anschlag verletzt wurde.

Asahara, der von Geburt an auf einem Aufge blind und auf dem anderen sehbehindert war, hatte die Sekte 1984 gegründet. Seine zentrale These war ein bevorstehender Weltuntergang, der durch die Zerstörung des Establishments verhindert werden könnte. Bis zu 10 000 Menschen in aller Welt, vor allem jedoch junge Japaner, darunter auch Absolventen von Eliteuniversitäten, schlossen sich dem unangepassten, charismatischen Redner an, der Ende der 1980er-Jahre erfolglos für das japanische Parlament kandidiert hatte. 1988 lebten im Hauptquartier am Fuße des Fuji-Berges mit dem Sektengründer über 100 „Jünger“.

Dabei folgten sie auch seinen extremen Befehlen, trugen beispielsweise elektrisch aufgeladene Kappen, die ihre Gehirnwellen mit denen des Guru synchronisieren sollten oder tranken Wasser, in dem der Chef zuvor gebadet hatte. Die Sekte, die trotz vieler Verdachtsmomente lange unbehelligt blieb, kaufte und entwickelte im Laufe der Jahre ein gefährliches Arsenal an Chemie- und Biowaffen. Auf ihrem Höhepunkt unterhielt die Endzeit-Sekte auch Büros in den USA und Russland.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen