Italien: Blaumachen mit System

Lesedauer: 5 Min

Man kann im Büro schlafen – oder erst gar nicht hingehen.
Man kann im Büro schlafen – oder erst gar nicht hingehen. (Foto: imago)
Thomas Migge

Es geht um eines der ganz heißen Themen Italiens. Nein, nicht um die Mafia, sondern um den so genannten assenteismo. „Assente“ heißt übersetzt „abwesend“. Ein besonders krasses Beispiel für die „Abwesenheitskultur“ gibt es nun im sizialianischen Ficarra. Gegen 23 städtische Angestellte wird wegen chronischen Blaumachens ermittelt. Das ist mehr als die Hälfte der gesamten Belegschaft.

Ficarra ist eine malerische kleine Ortschaft an der sizilianischen Ostküste. Der Name geht auf das arabische Al Fakhar, die Glorreiche, zurück. Das heißt also, dass Ficarra wahrscheinlich im frühen Mittelalter gegründet wurde, von den Sarazenen, die damals die Insel regierten.

Spitzenreiter im Blaumachen

Die Ortschaft in der Provinz Messina, mit rund 1450 Bürgern, taucht nicht oft in den Medien auf. Doch durch diesen krassen Fall von „assenteismo“ hat es der Flecken in die Schlagzeilen geschafft. Nirgendwo blieben so viele städtische Angestellte so lange und so oft ihrer Arbeit fern.

12 500 Stunden gefehlt

Die Staatsanwaltschaft ist den Angestellten mithilfe heimlich installierter Videokameras auf die Spur gekommen. Die filmten die Eingänge in das Rathaus. Jene Räumlichkeiten, wo die Stechuhren installiert sind, die jeder Angestellte beim Betreten und Verlassen der Büros drücken muss. Den Blaumachern rückte man auch mit verdeckter Personenermittlung auf die Pelle. Ermittler in Zivil verfolgten die Angestellten, die eigentlich bei der Arbeit hätten sein müssen.

Die Resultate dieser Ermittlungen erstaunten selbst hartgesottene Staatsanwälte.

Shoppen, joggen, Sport treiben, Kurzurlaub

In drei Monaten verzeichneten sie 650 unerlaubte Abwesenheiten vom Arbeitsplatz. Insgesamt 12 500 Minuten Arbeitszeit gingen so verloren. Anstatt zur Arbeit gingen die Angestellten shoppen, joggen, in den Sportclub, fuhren in Kurzferien, frequentierten Friseure oder Verwandte und Freunde. Reguläre Kaffeepausen und Mittagessenzeiten, zwischen 15 und 60 Minuten am Tag, wurden auf bis zu sechs Stunden ausgedehnt.

Offiziell waren sämtliche städtischen Angestellten bei der Arbeit. Jeden Tag ging einer der Blaumacher zur Stechuhr, ausgerüstet mit den Anwesenheitskärtchen seiner ebenfalls abwesenden Kollegen, und drückte sie ins Gerät. In Wirklichkeit waren ganze Büros ohne Personal.

Die Ermittler wurden auf diesen Zustand aufmerksam, weil immer mehr Bürger in Facebook und anderswo darüber geklagt hatten, dass die städtische Bürokratie so schlecht arbeitet.

Heimliche Filmaufnahmen

Bürgermeister Gaetano Artale fiel nach Bekanntwerden der Ermittlungsergebnisse aus allen Wolken. „Ich wusste davon nichts!“, zitiert ihn die Tageszeitung „Corriere della sera“. Die Staatsanwälte glauben ihm nicht. Und so ist nicht ausgeschlossen, dass auch gegen ihn, den Hauptverantwortlichen für das Funktionieren der städtischen Bürokratie, Klage erhoben wird.

Im Schlafanzug zur Stechuhr und zurück ins Bett

Das Phänomen des „assenteismo“ findet sich in ganz Italien. Erst vor rund zwei Monaten wurde ein ähnlicher aber weniger dramatischer Fall aus San Remo an der italienischen Riviera bekannt. Aufnahmen von heimlich installierten Kameras zeigten einen städtischen Angestellte, der im Schlafanzug seine Anwesenheitskarte in die Stechuhr steckte, und dann wieder ins Bett zurück ging. Nachmittags erschien er, angezogen, und drückte erneut seine Karte. Monatelang blieb er so seiner Arbeit fern, bis, endlich, der Fall aufgedeckt wurde.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen