Interview mit Martin Sonneborn: „Nur unser Spitzenkandidat trägt rosa“

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Gewohnt provokativ: Ein Wahlplakat der Partei "Die Partei". (Foto: Die Partei)
Schwäbische Zeitung

Die Partei der Nichtwähler, die Partei der Vernunft und die Violetten für spirituelle Politik: Komische Parteien gibt es viele, doch keine ist so komisch wie „Die Partei“. An ihrer Spitze steht Martin Sonneborn, von seinen Anhängern GröVaz genannt. Der größte Vorsitzende aller Zeiten strotzt vor Selbstbewusstsein und Ehrgeiz – und überrascht mit seinen politischen Forderungen regelmäßig Freund wie Feind. Ein Beispiel: Lediglich 12- bis 52-Jährige sollen wählen dürfen. Anja Gladisch hat mit Sonneborn, im Nebenberuf vielbeschäftigter Satiriker, über Artenschutz für die Grünen, eine Faulenquote und die ausländischen Billigarbeiter von der NSA gesprochen.

Herr Sonneborn, in Ihrem Regierungsprogramm steht, dass Sie die Faulenquote einführen möchten. Gehören Sie selbst zu dieser Art von Mensch?

Nein, das sind populistische Forderungen, die wir erhoben haben, weil wir nicht mit Inhalten arbeiten wollten. Das machen Parteien heutzutage nicht mehr. Und die Faulenquote hört sich gut an. Das finden viele Leute sympathisch und ich glaube, dass uns das die Mehrheit bescheren wird.

Aber Sie selbst arbeiten fürs ZDF: Ist die Faulenquote nicht schon längst überschritten?

Eine gute Unterstellung. Interessant, dass man das aus Schwaben hört. Die Schwaben gelten als fleißiges Völkchen da unten. Aber ich glaube, dass es nicht darum geht, ob schon fünf Prozent Faule beschäftigt sind. Es muss sich nur gut anhören.

Sie möchten Artenschutz für die Grünen. Warum ausgerechnet für die Grünen und nicht für die FDP oder die AfD?

Die AfD, die Piraten und die FDP sehe ich als Übergangsphänomene, die nicht ernst zu nehmen sind. Ich glaube, dass die Grünen der legitime FDP-Nachfolger sind.

Mit welchem Wahlergebnis rechnen Sie bei der Bundestagswahl am Sonntag?

100 Prozent plus X, wobei das X für die Überhangmandate steht.

Obwohl auch Menschen über 52 Jahren wählen dürfen?

Es ist möglicherweise das letzte Mal, das die wählen dürfen. Insofern sollten sie sich gut überlegen, wem sie ihre Stimme geben.

Sie haben bei dem Fernsehkanal ZDF-Neo die eigene Sendung „Sonneborn rettet die Welt“ und arbeiten bei der Heute-Show als Außenreporter. Würden Sie anderen Politikern auch zu einer Fernsehshow raten?

Ich sehe wenig fern und gucke nur rein, wenn ich selber zu sehen bin. Ich glaube nicht, dass man den ganzen Unterhaltungsgeschichten noch etwas zufügen sollte.

Wie werden Sie den 22. September verbringen?

Wir werden natürlich um die Wahllokale herum Wahlkampf machen – das macht keine andere Partei. Ab 18 Uhr werde ich an dem Ort sein, an dem wir den Wahlsieg feiern. Ich habe diverse Live-Schaltungen nach Japan und nach Hamburg zu bewältigen. Und ab 20 Uhr betrinke ich mich.

Im grauen Anzug für 49 Euro, dem Markenzeichen Ihrer Partei?

Ja, das stimmt. Sie alle werden auch Uniform tragen, wenn wir an der Macht sind.

Aber Ihr Spitzenkandidat trägt eine andere Uniform?

Oliver Maria Schmitt lässt seine Sachen für die Hälfte des Preises in der Türkei schneidern. Dafür kriegt er manchmal Farben, die nicht mehr ganz so aktuell sind. Derzeit trägt er rosa.

Aber warum sind Sie nicht selbst Spitzenkandidat der Partei?

Wir haben festgestellt, dass es besser ist, auch Frauen Aufstiegsmöglichkeiten zu gewähren. Diesmal haben wir einen androgynen Typ gefunden, der beide Geschlechter anspricht.

Sie kommen aus Göttingen und leben in Berlin. Warum sollte ein Nicht-Preuße Sie wählen?

Ich glaube, dass jeder gerne zu den späteren Siegern gehört. Außerdem bekommt man einen Aufkleber: Sympathisant schon vor der Machtübernahme. Das kann einem später große Vorteile bringen.

Ihr Regierungsprogramm ist für die Jahre 2013 bis 2113. Wollen Sie die Legislaturperioden verlängern oder gehen sie von Wiederwahlen aus?

Das müssen wir uns noch genauer überlegen. Aber wir sind große Freunde der Demokratie, weil sie uns ermöglicht auf dem unblutigen Weg an die Macht zu gelangen.

Und was kommt 2114?

Ich denke, dass wir diese Frage in einen Ausschuss verweisen müssen.

Sie haben die Aktion „Hallo Verfassungsschutz! Überwacht uns auch!“ ins Leben gerufen. Sind Sie jetzt froh, dass es vermutlich die NSA getan hat?

Das ist eigentlich eine ungute Situation. Man verlässt sich darauf, dass man vom Verfassungsschutz überwacht wird. Wir haben extra eine verfassungsfeindliche Plattform gegründet, damit die unsere Tätigkeiten dokumentieren. Dann muss man zur Kenntnis nehmen, dass auf ausländische Billigarbeit zurückgegriffen wird.

Welche Charakteristika weist ein typischer Partei-Wähler auf?

Wir lassen uns natürlich von jedem wählen. Wir sind da nicht wählerisch, aber aus Erfahrung kann ich sagen, dass es nicht die dümmeren Menschen sind.

Sie sagten anfangs, dass Ihr Regierungsprogramm „billiger Populismus“ sei. Meinen Sie, dass die Wähler enttäuscht sind, wenn sie ihr doch nahezu bodenständiges Parteiprogramm lesen?

Das glaube ich nicht. Wir haben zwar einen populistischen Ansatz und arbeiten mit satirischen Mitteln, aber der Wille zur Macht ist echt – sowie der Wille sozialere Verhältnisse einzuführen. Wir sind für die Enteignung der Banken und wollen ein Existenzmaximum von einer Million einführen. Das wird auch die Bodenseeregion betreffen.

Sie haben einen schmutzigen und inhaltsleeren Wahlkampf angekündigt. Im Südwesten merken wir wenig davon. Ich bin enttäuscht.

Wir konzentrieren uns zunächst auf Berlin. Wir sind jetzt in fünf Ländern zugelassen. Die Schwaben und Badenser sind leider charakterlich etwas schwer zu greifen. Wir haben unsere Unterstützer-Unterschriften in Baden-Württemberg nicht zusammenbekommen, weil die Leute wahrscheinlich alle mit den Grünen sympathisieren.

„Die Partei“, Abkürzung für Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, gibt es seit 2004. Redakteure des Satire-Magazins Titanic haben die Partei ins Leben gerufen. Zur Bundestagswahl 2009 wurden sie nicht zugelassen – ein Fehler, wie sich nach einer Klage rausstellte. Seit diesem Jahr sitzt ein Vertreter der Partei im Stadtparlament der schleswig-holsteinischen Stadt Lübeck.

Martin Sonneborn, geboren am 15. Mai 1965, leitete zwischen 2000 und 2005 das Satire-Magazin Titanic in Frankfurt. Mittlerweile steht er im ZDF vor der Kamera.

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