Ingmar Bergmans „Nach der Probe“ in Hannover

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Deutsche Presse-Agentur

Die Zuschauer drücken sich geduldig durch ein enges Treppenhaus. Ungewöhnliche Wege zu einer ungewöhnlichen Theatervorstellung: Das Publikum nimmt bei Ingmar Bergmans „Nach der Probe“ auf der Hinterbühne Platz, gespielt wird vor allem im Zuschauerraum.

Im Schauspielhaus Hannover läuft die deutschsprachige Erstaufführung des 1983 verfilmten Stoffs. Es ist ein Stück über die Kunst und das Leben, Wirklichkeit und Fantasie. Der große schwedische Regisseur Bergman wirft in dem Kammerspiel einen intimen Blick hinter die Kulissen des Theaters. Die Inszenierung ist in der kommenden Spielzeit auch im Thalia Theater in Hamburg zu sehen.

Zu Beginn tritt der alternde Regisseur Henrik Vogler auf, setzt sich an sein Pult. Die junge Schauspielerin Anna kommt, angeblich um ihr Armband zu suchen. Sie hat eine Rolle in August Strindbergs „Ein Traumspiel“, doch schnell entwickelt sich das Gespräch in andere Richtungen. Anna gesteht ihren Hass auf die verstorbene Mutter, die ebenfalls Schauspielerin gewesen ist. Vogler zieht eine bittersüße Bilanz seiner Karriere: „Eine Theatervorstellung entsteht, wenn drei Elemente vorhanden sind: das Wort, der Schauspieler, der Zuschauer. Das ist alles, was man braucht, damit sich das Wunder vollzieht. Das ist meine innerste Überzeugung, ich bin ihr nur nie gefolgt.“

Die ältere Schauspielerin Rakel erscheint. Sie ist betrunken, führt sich wie eine Furie auf. In vielem Gekeife und Gejammer blitzt schon mal der blanke Busen. Diese Szenen wirken recht irreal, als würde ein Gespenst aus der Vergangenheit auftreten. Vielleicht könnte Rakel sogar Annas Mutter sein. Nach ihrem Abgang fantasieren Vogler und Anna darüber, wie es wäre, eine Beziehung einzugehen.

Regisseur Luk Perceval inszeniert das alles zwischen den Extremen. Es gibt ausführliche Momente des kompletten Schweigens, dann wieder brüllen sich die Darsteller mit voller Kraft an. Überall liegen Papierblätter herum, und einmal wird eine gewaltige Windmaschine in Betrieb gesetzt, um weiteres Papier durch die Luft zu wirbeln. Die Schauspieler agieren oft in der Halbdistanz, kommen aber auch auf die Bühne und treten nah ans Publikum.

Wolf-Dietrich Sprenger lässt Henrik Vogler mal abgeklärt, mal etwas müde erscheinen, mischt Spritzer von melancholischem Humor hinein. Picco von Groote ist als Anna der Inbegriff des aufblühenden Lebens, ohne dabei naiv zu wirken. Oda Thormeyer treibt die Rakel an die Grenze der Tobsucht - sehr beeindruckend, aber vielleicht hätte Perceval mit etwas dezenterer Figurenführung mehr Wirkung erzielt.

Das Publikum reagiert unterschiedlich auf die eigenwillige Inszenierung. Einzelne Besucher lassen ihrer Begeisterung freien Lauf, andere klatschen eher reserviert.

Luk Perceval wird zur kommenden Saison Oberspielleiter am Thalia Theater Hamburg, wo die Produktion dann auch zu sehen sein wird. Die Anna verkörpert dort Nadia Schönfeldt, die sich bei den restlichen Vorstellungen in Hannover mit Picco von Groote abwechselt.

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