In den Masuren steht die Zeit still

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Die Masurische Seenplatte im Nordosten Polens lässt sich am besten beim Wandern, Radeln und Paddeln erkunden.

In grauer Uniformjacke, dunkler Cordhose und schwarzer Schiebermütze empfängt Robert Kempa die Besucher vor der Backsteinmauer der Feste Boyen. „Hätte mir vor 15 Jahren jemand gesagt, dass ich mal die Uniform eines deutschen Soldaten tragen würde, ich hätte es nicht geglaubt“, sagt der Historiker. Er ist der Leiter des Tourismusamts der polnischen Stadt Gizycko (deutsch: Lötzen). Lötzen ist eine der größten Städte in den Masuren im Norden von Polen, dieser dünn besiedelten Landschaft des ehemaligen Ostpreußen. Die Feste Boyen entstand im 19. Jahrhundert, benannt ist sie nach einem preußischen Kriegsminister. Truppen, die die masurische Seenplatte queren wollten, wählten häufig Lötzen als Durchgangspunkt. Denn an anderen Stellen waren die Seen und Flüsse zu breit, um sie leicht überwinden zu können, südlicher gab es zu viele Sümpfe.

Imposante Festung

Anhand eines Modells erklärt Kempa den Aufbau der noch gut erhaltenen Feste. Sternförmig angelegt, sollte sie vor Angreifern schützen. Im Laufe der Zeit haben sich die Möglichkeiten der Artillerie verbessert, also mussten bis ins 20. Jahrhundert auch immer neue Anstrengungen zum Schutz unternommen werden. „Beispielsweise Betondächer sollten dann bei der Verteidigung helfen“, erklärt der Historiker. Kempa führt die Besucher aus dem Museumsraum in der Kaserne hinauf zur Beobachtungskuppel und dann auf den Hauptwall. Von hier hat man einen guten Überblick über die mächtige Anlage. Spaziert man auf dem Hauptwall entlang, schweift der Blick auch auf Gegenwall und ein Amphitheater, das sich heute zwischen den Mauern befindet.

Hinunter geht es ins Pulverlaboratorium. „Schwarzpulver konnte man nicht auf Vorrat vorbereiten und lagern“, sagt Kempa „deshalb wurde es immer frisch hergestellt“. Die Räume des Laboratoriums sind u-förmig angelegt, umgeben von Gegenmauern, und haben große Fenster. Würde es zu einer Explosion in einem der Räume kommen, sollte durch diese Bauweise ein allzu großes Unglück verhindert werden. Historiker Kempa, in Lötzen geboren und in Bialystok zur Universität gegangen, präsentiert eine fast unüberschaubare Anzahl an Details zur Anlage und der Geschichte. Wer richtig eintauchen will, muss viel Zeit mitbringen.

Die Heimat vieler Vogelarten

Apropos Zeit: Wer Entschleunigung sucht, ist in den Masuren richtig. Verträumt und ursprünglich liegen die Wiesen, Wälder, Seen und Flüsschen da. Für Reiseleiter Darek Wylezol ist es „die schönste und wildeste Ecke Polens“– am besten lässt sie sich beim Wandern, Paddeln oder Radeln erkunden. Die Landschaft ist geprägt von vielen länglichen Seen, oft sind diese durch Flüsse und Kanäle verbunden. Die beiden größten Seen der Masurischen Seenplatte sind der Spirdingsee und der Mauersee.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann im UNESCO-Biosphärenreservat Jezioro am Luknajnosee von einem Aussichtsturm auf das Schilf blicken. Fast schon meditativ wirkt die unaufgeregte Wasseroberfläche in der Abendsonne. Irgendwo in der Ferne krächzt ein Vogel. Ob Kolbenente, Seeadler, Graureiher, Kormoran oder Blesshuhn – 175 Vogelarten lassen sich hier beobachten. Auch eine der größten Höckerschwankolonien Polens lebt von Sommer bis Herbst an dem See in der Nähe von Nikolaiken/Mikolajki.

Erinnerung an Gräfin Dönhoff

In Galkowo, westlich vom Spirdingsee, steht das ehemalige Jagdhaus von Heinrich Graf Lehndorff. Der Liebe wegen hat es Alexander Potocki nach der Jahrtausendwende an seiner ursprünglichen Stelle in Sztynort/Steinort abgetragen und im etwa 70 Kilometer entfernten Galkowo in der Nähe zum Gestüt seiner Angebeteten wieder aufgebaut. Seine Mutter, die Journalistin Renate Marsch-Potocka, war eine Wegbegleiterin von Marion Gräfin Dönhoff. Im ersten Stock ist ihr zu Ehren der Salon Marion Dönhoff eingerichtet. Interessierte können sich hier über das Leben der Gräfin informieren, die aus dem ehemaligen Ostpreußen stammt und sich schon früh nach dem Zweiten Weltkrieg für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen eingesetzt hat. Von Galkow führt ein Fußweg durch den Wald weiter nach Krutyn/Krutinnen. Ahorn, Eichen, Buchen und Kiefern säumen den sandigen Weg. Auf dem Krutinnen-Fluss geht es hoch her. In Kähnen lassen sich die Besucher mannschaftsweise durch die Landschaft stochern. Wem das zu viel Trubel ist, der ist auf dem Sapina-Fluss besser aufgehoben.

Von Kruklin, rund zehn Kilometer östlich von Gizycko/Lötzen aus, bietet dieser ein einsameres Erlebnis. Der schmale Fluss schlängelt sich durch die Landschaft. Kein Haus, keine Straße, kein Zeichen von Zivilisation. Nur die Kajaks, die Tiere und der Sonnenschein. Das fühlt sich entspannt an. Ganz abschalten sollte man dennoch nicht, sonst landet man unversehens im Röhricht. Nach etwas Paddelei weitet sich das Gewässer, wir sind am Patelniasee angekommen. Ein paar Angler versuchen hier ihr Glück. Seerosen vervollständigen das Bild. Auf den ersten Blick ist gar nicht zu erkennen, wo der Fluss wieder hinausführt aus dem See. Aber mit dem geübten Auge von Darek lässt sich der Sapina-Fluss auf der linken Seite finden.

Die idyllische Fahrt auf dem jetzt wieder schmalen Flüsschen geht weiter. Wilde Blumen säumen den Weg. An manchen Stellen wird es ganz schön abenteuerlich, so tief hängen die Äste in den Wasserweg hinein. Da hilft nur ducken, tief ducken. Mal links, mal rechts, die Strecke ist kurvenreich, und wer nicht aufpasst, sitzt im flachen Wasser auf. Dann macht sich die Zivilisation wieder bemerkbar: ein Campingplatz zur Rechten. Und auch der Goldapiwosee ist nicht mehr weit.

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