Im Vogthof hören die Geschmacksnerven die Englein singen

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Erich Nyffenegger

Was eignet sich besser an Heiligabend um über Essen zu reden, als die Küche eines Familienbetriebs? Keine Zeit im Jahr, in der Eltern, Großmütter, Enkel und Kinder enger zusammenrücken, miteinander essen, nicht selten leidenschaftlich streiten und hinterher oft wieder genau wissen, warum es ganz gut ist, sich die meiste Zeit des Jahres nicht zu sehen. Die Familie Ilg vom Vogthof in Aalen scheint es aber gut miteinander auszuhalten. Immerhin besteht das Haus in der zweiten Generation. Das geht erfolgreich nur dann, wenn sich die Mitglieder einigermaßen gut leiden können.

Wen der Gast jedenfalls auf Anhieb gut leiden kann, ist Bernadette Ilg, die den Service mit jeder Menge Herzlichkeit versieht, während sie mit wehendem Dirndl flink um die Tische huscht. Die sprechen übrigens – wie der gesamte Gastraum – die Sprache moderner Holz-Ästhetik. Über den Köpfen schweben große Lampen, die an Zeppeline gemahnen. Dass es sich nicht um einen der üblichen Landgasthöfe handelt, zeigt der Blick in die Speisekarte sofort. Natürlich gibt es auch hier den unvermeidlichen Zwiebelrostbraten. Mehr als nur einen vorsichtigen Akzent setzen aber die saisonalen und mediterranen Gerichte.

Und deshalb beginnt dieses weihnachtliche Essen auch mit gebratenem Oktopus nebst Brokkoli. Wer die Kopffüßer aus den Meeren bisher als gummiartige Absonderlichkeit gemieden hat, kann hier ganz auf Küchenchef Reiner Ilg vertrauen. Der gart sie offenbar langsam unter Vakuum, sodass im Ergebnis ein delikates Kunststück von seidiger Zartheit auf dem Teller landet. Eine Note von Knoblauch, ein wenig Tomatenmarmelade – da lacht der Gaumen und das Auge sowieso, weil die ganze Vorspeisenpracht auch noch hübsch angerichtet ist. Den Tellerrand verziert eine Art Krokant von schwarzen Oliven.

Und auch das weihnachtliche Fest-Geflügel, im konkreten Fall eine wirklich ofenfrische Ente, schafft es schon beim ersten Bissen ins kulinarische Langzeitgedächtnis: mürb-zartes Fleisch, durch und durch knusprige Haut und eine Sauce, die in ihrer Intensität und Farbe ein wahres Aromenspektakel um die verblüffte Ente inszeniert. Es liegt sogar ein Hauch von Lebkuchengeschmack über ihr. Oh du köstliche Weihnachtszeit! Blaukraut und Semmelknödel können mit der Qualität des Fleisches allerdings nicht ganz mithalten. Dafür ist der Knödel zu pappig und das Blaukraut zu langweilig abgeschmeckt.

Achtung, jetzt kommt das hinreißende Finale dieses Menüs, wie ein berauschter Engelschor jubeln die Geschmacksnerven bei diesem Dessert: Grießflammeri mit Joghurt-Limonen-Sorbet. Doch die simple Namensgebung ist untertrieben. Denn auf dem Teller befinden sich zusätzlich geheimnisvolle Schäume, weiße Luftschokolade sowie ein Teppich aus einer grandiosen Karamellsoße, die deutlich mit Fleur de Sel abgeschmeckt ist, wofür Frankreichs Küstenregionen am Atlantik berühmt sind. Damit kommt auch beim Nachtisch das Prinzip der Küche klar zum Ausdruck: geschmackliche Weltoffenheit mit Bodenhaftung, die auch den Traditionalisten nicht verschreckt.

Überhaupt beherrscht Reiner Ilg die leisen und feinen Zwischentöne auf der Klaviatur des guten Geschmacks nahezu perfekt. Er empfiehlt sich damit weiß Gott nicht nur zur Weihnachtszeit.

Landgasthof Vogthof

Bergaubstr. 28

73433 Aalen

Telefon 07361-73688

www.aalen-vogthof.de

geöffnet Montag-Donnerstag von 12-14 und ab 18 Uhr, samstags ab 18 Uhr, sonntags von 11.30-14 Uhr, Freitag Ruhetag. Hauptgerichte von 13,80-18,80 Euro, Mittagsmenü ab 8,80 Euro.

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