Im Kielwasser der „Titanic“

Redakteurin

In Belfast wurde einst der Ozeanriese gebaut – Es hat aber Jahrzehnte gedauert, bis die Stadt sich darauf besann.

Über Belfast scheint die Sonne, es weht ein laues Lüftchen. Gelber Ginster blüht üppig an den Hängen des Cave Hill, der die Stadt im Norden begrenzt. Der Frühling hat sich in Nordirland breitgemacht. Trotzdem fröstelt es einen. Und dafür ist nicht das Wetter verantwortlich. Susie Millar steht vor einer langen Wand aus Plexiglas, auf der die Namen all derer geschrieben sind, die den Untergang der „Titanic“ vor 110 Jahren nicht überlebt haben. Es sind genau 1514. Susie braucht nicht lange und ihr Zeigefinger hat die Gravur gefunden: Thomas Millar. Es ist der Name ihres Urgroßvaters, der als Ingenieur nicht nur am Bau des Luxusliners in der Belfaster Werft Harland & Wolff beteiligt war, sondern auch bei dessen Jungfernfahrt nach New York mit an Bord ging, um nach dem frühen Tod seiner Frau in den USA ein neues Leben zu beginnen.

Über 50 Jahre lang wollte Belfast vergessen, dass der angeblich unsinkbare Ozeanriese hier gebaut worden ist. Man schämte sich und fühlte sich schuldig, erzählt Susie Millar. Erst ganz langsam begannen die Belfaster, sich mit dieser unrühmlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Die Entdeckung des Wracks 1985 südöstlich von Neufundland und der Erfolg des „Titanic“-Films mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, der 1997 in die Kinos kam, tat sein Übriges, um die dramatische Geschichte des Schiffes noch einmal berühmt zu machen. Ein regelrechter „Titanic“-Hype entstand. Susie arbeitete zu dieser Zeit als Journalistin beim Fernsehen. Vor allem der blutige Nordirland-Konflikt zwischen der katholischen und protestantischen Bevölkerung – The Troubles, wie ihn die Einheimischen bis heute nennen – beherrschte damals die Medien. Doch Susie hatte irgendwann die Schnauze voll von „bad news“ und wechselte den Job. Heute arbeitet sie als Guide mit dem Spezialgebiet „Titanic“, heute herrscht Frieden in Belfast. Nicht nur das habe sich geändert, sagt Susie: „Wir sind mittlerweile stolz darauf, dass die ,Titanic’ hier gebaut wurde.“

Spektakulärer Bau

Die Belfaster haben entdeckt, dass sie im Kielwasser des Blockbusters schwimmen und aus der tragischen „Titanic“-Story touristisches Kapital schlagen können. So wurde vor ziemlich genau zehn Jahren das Titanic Belfast eröffnet, ein spektakulärer Bau, für den die Verantwortlichen das Wort „Museum“ scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Es soll vielmehr eine Art Dokumentationszentrum, Erlebnisstätte, Abenteuerwelt sein.

Der Bau des Architekten Paul Crowe steht auf dem ehemaligen Gelände der Werft von Harland & Wolff, nur einen Steinwurf entfernt von der Stelle, an der die „Titanic“ einst zusammengeschweißt wurde. Bereits von außen ist dieses architektonische Meisterwerk ein beeindruckender Anblick. Denn seine Form erinnert an den Bug eines Schiffes, und mit 27 Metern ist das Gebäude genauso hoch wie einst der Rumpf der „Titanic“. Zusätzlich lassen die reflektierenden Paneelen aus Aluminium, die die Außenhaut bilden, an Eis, Wellen und Kristalle denken. Längst ist das Titanic Belfast zum Wahrzeichen der Stadt geworden.

Die Begeisterung steigert sich nochmal im Gebäude. Die interaktive Ausstellung rund um die „RMS Titanic“ und ihre Schwesternschiffe „RMS Olympic“ und „HMHS Britannic“ finden auf rund 12 000 Quadratmetern und über acht Stockwerken Platz. Die Stunden fliegen beim Besuch nur so dahin, es wird keine Minute langweilig. Die Geschichte der „Titanic“, von der ersten Planung hin zum Wrack auf dem Grund des Atlantiks ist abwechslungsreich dargestellt. Man passiert große Leinwände auf denen Originalfilme flimmern. Aus schwindelerregender Höhe schaut man herunter auf die Schiffswand der Titanic, man bestaunt die Kabinen der ersten, zweiten und dritten Klasse. Videotechnik, Computersimulationen, nachgebaute Szenen und eine Gondelfahrt durch die damalige Werft, in der es nach glühendem Stahl riecht und die Menschen Schwerstarbeit verrichten, sind nur ein paar der Attraktionen. Eingebettet ist die Geschichte der „Titanic“ in das Belfast vergangener Zeiten. So lernt der Besucher nicht nur etwas über das damals größte Passagierschiff der Welt, sondern auch viel über eine Metropole, die heute im Schatten Dublins steht, vor über 100 Jahren aber als Industriestadt weltweite Bedeutung hatte.

Geschichten über Geschichten

Wer das große Glück hat, mit „Titanic“-Expertin Susie Millar durch die Ausstellung streifen zu können, bekommt zu der ganz großen Geschichte noch viele, viele kleine dazu: zum Beispiel über die zwei Penny-Stücke, die Thomas Millar seinen beiden Söhnen zum Abschied in die Hand gedrückt hat; über Tante Mary, die sich später um die Waisenknaben kümmerte; über Ruddick Millar – Susies Opa – der vom Tod seines Vaters erfuhr, als er gerade ein Papierschiffchen zu Wasser ließ; über das Fernglas an Bord der „Titanic“, das eingeschlossen war und in der Eisberg-Nacht nicht benutzt werden konnte, weil der Schlüssel in der Jackentasche eines Offiziers lag, der kurz vor dem Auslaufen auf ein anderes Schiff beordert worden war; über Zigtausende Belfaster, die am 31. Mai 1911 zum Stapellauf geströmt sind.

Das Trockendock, in dem das Schiff seinen letzten Schliff erhielt, und das dazugehörige Pumpenhaus bilden den Schluss der Maritime-Mile mitten im Titanic Quarter. Der 500 Meter lange Weg, der am Titanic Belfast startet, führt vorbei an verschiedenen Docks, dem Titanic-Tenderboot „Nomadic“, Werftanlagen, Kränen und der Helling, von der aus die „Titanic“ vom Stapel lief – alles echt, alles authentisch. Es lohnt sich auch ein Blick ins Titanic-Belfast-Hotel, einst Verwaltungsgebäude von Harland & Wolff. Manche der Räume wie das Besprechungszimmer wurden wieder in den Originalzustand versetzt und sind für die Öffentlichkeit zugänglich. Wer Zeit und Hunger hat, speist im Restaurant des Hotels, das in den ehemaligen, lichtdurchfluteten Arbeitshallen der Konstrukteure untergebracht ist.

Susie fährt mit uns an den Stadtrand ins Folk- und Transportmuseum. Dort sind unter anderem die Funde ausgestellt, die aus dem „Titanic“-Wrack geborgen werden konnten. Und dort hängt auch ein Schwarz-Weiß-Foto all jener Menschen, die am Bau der „Titanic“ beteiligt waren. Fast genau in der Mitte sitzt Thomas Millar, gut erkennbar an seinem mächtigen, schwarzen Schnurrbart. Susie zeigt auf ihn. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Draußen scheint noch immer die Sonne. Uns fröstelt wieder.

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