Hoffnung unter den Trümmern von Notre-Dame

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Patrick Chauvet war einer der Ersten, der nach dem Inferno das Gotteshaus betrat. „Statt der hölzernen Decke sieht man den offenen Himmel. Das versetzt einem einen Schlag“, schilderte der Rektor der Kathedrale Notre-Dame seine Eindrücke im Radio.

Das Dach vom Feuer zerfressen, einige der berühmten Fenster zerborsten, die Spitzbögen durchlöchert: Die weltberühmte Kirche war am Dienstag nur noch ein Trümmerhaufen. Mehr als zwölf Stunden lang wüteten die Flammen, die am Montagabend kurz vor 19 Uhr rund um den gotischen Spitzturm ausgebrochen waren.

Jener Turm, der kurze Zeit später unter den entsetzten Augen Tausender Pariser zusammenbrach und wie ein Feuerpfeil verglühte. Lediglich die Fassade und die beiden Vordertürme des mehr als 850 Jahre alten Gebäudes überstanden die Katastrophe weitgehend unbeschadet.

Nichts deutet auf eine vorsätzliche Handlung hin

Remy Heitz

Fassungslos sahen Tausende Menschen vor Ort und Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt die Zerstörung eines der meistbesuchten Denkmäler der Welt mit an. Ihre Fragen nach dem Warum beantwortete am Dienstag der Staatsanwalt von Paris, Remy Heitz.

„Die Spur eines Unfalls ist vorrangig. Nichts deutet auf eine vorsätzliche Handlung hin“, versicherte der Jurist. Einzelheiten müssten nun die Verhöre der Arbeiter klären, die den eingerüsteten Spitzturm renovierten. Damit schob Heitz Spekulationen einen Riegel vor, die von einem Attentat sprachen.

Erster Feueralarm um 18.20 Uhr

Ein Schwelbrand, ausgelöst durch Schweißarbeiten, könnte zu dem Großbrand geführt haben. „Notre-Dame ist eine riesige Streichholzschachtel“, sagte der Brandexperte am Pariser Berufungsgericht, Serge Delhaye, der Zeitung „Le Parisien“. „Die Holzdecke ist sehr alt: Ein Funke, eine Schweißnaht oder ein Kurzschluss können eine Glut auslösen, die zu einem heimtückischen Brand wird.“

Ein erster Feueralarm um 18.20 Uhr blieb ohne Konsequenzen, da keine Flammen entdeckt wurden. Beim zweiten Alarm um 18.43 Uhr wurde die Kirche mitten in der Messe geräumt. Kurz darauf loderten die Flammen bereits meterhoch.

Erst vergangene Woche hatten die Einsatzkräfte ein Feuer in der Kathedrale simuliert, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein. Für die Feuerwehr war es am Montagabend dann allerdings extrem schwierig, das Feuer in 45 Metern Höhe zu löschen, da der Wasserstrahl nur 30 Meter weit reicht.

Den Einsatz von Löschflugzeugen, wie ihn US-Präsident Donald Trump vorschlug, lehnten Experten ab. „Im Gegensatz zu den US-Feuerwehrleuten bekämpfen die französischen Feuerwehrmänner die Brände von innen und nicht von außen. Diese Taktik ist gefährlicher, aber wirksamer, um das Denkmal zu schützen“, sagte Delhaye.

Den ganzen Abend hatten die Franzosen hoffend und betend den Kampf der Feuerwehr gegen die Dutzende Meter hohen Flammen verfolgt, die den Nachthimmel von Paris erleuchteten. „Das ist fast so schlimm wie der Einsturz der Zwillingstürme in New York“, sagte eine 60-Jährige.

Die Betroffenheit zeigte sich jenseits aller Religionen, denn Notre-Dame ist das Symbol Frankreichs: In der Kirche krönte sich Napoleon zum Kaiser, ihre Glocken läuteten, als Paris von der Nazi-Herrschaft befreit wurde. Dass die Kathedrale tatsächlich weiter bestehen wird, war am Montagabend erst vor Mitternacht klar. Da erklärte die Feuerwehr, dass die Struktur des Kirchengebäudes gerettet werden kann.

Rosetten und Orgel unbeschadet

Nach dem Entsetzen der Nacht brachte der Morgen noch andere gute Nachrichten: So hat die Orgel den Brand unbeschadet überstanden. Auch die drei berühmten Rosettenfenster aus dem Mittelalter widerstanden den Flammen. Die beiden wichtigsten Reliquien der Kathedrale, die Dornenkrone, die Jesus vor seiner Kreuzigung getragen haben soll, und die Tunika des Heiligen Ludwig wurden im Rathaus in Sicherheit gebracht.

Bürgermeisterin Anne Hidalgo veröffentlichte ein Foto des Saals Saint Jean, der zum Lager umfunktioniert wurde. Zu sehen sind zahlreiche Kerzenständer, ein Taufbecken und ein mit rotem Samt bezogener Stuhl. Sie stammen wie die Reliquien aus der „Schatzkammer“ der Kathedrale.

Feuerwehrleute und Helfer hatten eine Menschenkette gebildet, um die Artefakte zu retten, die nun im Louvre zwischengelagert werden sollen. Die großen Gemälde, die die Feuerwehr nicht bergen konnte, sollen voraussichtlich am Freitag abtransportiert werden. Erst vergangene Woche waren die Statuen der zwölf Apostel und vier Evangelisten abmontiert worden, um sie vor den Renovierungsarbeiten in Sicherheit zu bringen.

Dass die Heiligenfiguren irgendwann ihren angestammten Platz wiederfinden sollen, machte Präsident Emmanuel Macron noch am Abend des Unglücks klar. „Wir haben es geschafft, diese Kathedrale zu erbauen, und wir werden sie wieder aufbauen“, sagte der Staatschef auf dem Vorplatz vor der Kirche sichtlich betroffen.

Seine lange erwartete Ansprache zu Reaktionen auf die Proteste der „Gelbwesten“ verschob er auf einen späteren Zeitpunkt. Seine Partei unterbrach ebenso wie die Konkurrenten den Europawahlkampf. Stattdessen schlossen sich Politiker aller Couleur ähnlich wie nach den Anschlägen 2015 in Trauer zusammen.

Solidarität in aller Welt

Auch die Unternehmen des Landes zeigten ihre Solidarität: Innerhalb weniger Stunden trafen Zusagen über mehrere Hundert Millionen Euro ein, um Notre-Dame wiederherzustellen. Unter Frankreichs Wirtschaftsgrößen ist sogar fast ein Wettbewerb ausgebrochen, wer sich großzügiger zeigt. Die höchste Summe stellte bislang Bernard Arnault in Aussicht.

Seine Familie gilt mit einem Vermögen von 85 Milliarden Euro als die reichste in Frankreich. Der Mitbesitzer und Chef des Luxusgüter-Konzerns LVMH ließ 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Kirche bereitstellen. Arnault meldete sich jedoch erst mehrere Stunden, nachdem ein konkurrierender Milliardär bereits einen Betrag in ähnlicher Größenordnung angeboten hatte – die Kathedrale brannte da noch. François-Henri Pinault hatte „nur“ 100 Millionen Euro versprochen. Am Dienstag zogen der Ölkonzern Total mit 100 Millionen Euro und die Haupteigner des Kosmetikkonzerns L’Oréal, die Familie Bettencourt, mit 200 Millionen Euro nach.

Die Stadt Paris stellte 50 Millionen Euro in Aussicht. Außerdem kündigte Bürgermeisterin Hidalgo eine internationale Geberkonferenz zum Wiederaufbau an. Erste Hilfszusagen aus dem Ausland trafen bereits ein. So erklärte Bundesaußenminister Heiko Maas: „Präsident Emmanuel Macron hat zu Hilfe für den Wiederaufbau von Notre-Dame weit über Frankreich hinaus aufgerufen. Deutschland steht dazu in engster Freundschaft bereit.“

Der Fernsehstar Stéphane Bern, der im Namen Macrons für den Denkmalschutz zuständig ist, zeigte sich optimistisch, dass das Geld schnell zusammen kommen wird. Der Wiederaufbau der Kathedrale könne aber mehrere Jahrzehnte dauern. „Ich werde sie zu Lebzeiten nicht mehr sehen“, bedauerte Bern. „Sie wird für die Generationen gebaut, die nach uns kommen.“

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