Herzjagen

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Herzjagen
Martina Gedeck spielt eine herzkranke Frau. (Foto: Felipe Kolm / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Marco Krefting

Mit Kriegsbemalung im Gesicht und nackt steht Caroline Binder vor ihrem Arzt. In einem Operationssaal. Und prügelt mit den Fäusten auf ihre Narbe an der Brust.

„Es macht mir Angst, dieses Herz, das mir ständig sagt, dass ich am Leben bin“, sagt sie. „Sie haben mir meine Ruhe genommen.“ Binder hat Angst. Angst vor dem Leben. Angst davor, wieder gesund zu sein. Nach 20 Jahren.

Eine Herzinsuffizienz oder Herzschwäche zwang sie, ihr Leben gedrosselt zu leben. Zu Hause, ab und zu im Museum, vor allem in Ruhe. Und damit hat sie sich ganz gut eingerichtet. Eine OP verschafft ihr nun ein gesundes Herz - und wirft ihr Leben völlig aus der Bahn. Das Erste zeigt zum „FilmMittwoch“ (20.15 Uhr) das berührende Drama „Herzjagen“ mit Martina Gedeck in der Hauptrolle.

Nach aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts gab es im Jahr 2018 in Deutschland 410.840 Operationen am Herzen. Etwa zwei Drittel der Patienten waren Männer. Die Herzschwäche zählt in Deutschland nach Angaben der Deutschen Herzstiftung nach wie vor zu den Hauptgründen, warum Menschen ins Krankenhaus müssen. Mehr als 300.000 sind es demnach jedes Jahr. Bei ihnen habe sich beispielsweise die Pumpkraft des Herzmuskels so stark verschlechtert, dass sich im Körper Wasser einlagere, Atemnot auftrete oder die körperliche Leistungsfähigkeit rapide abnehme, erklären die Experten.

Auch Caroline Binder ergeht es so. Sie hat sich mit dem Tod auseinandergesetzt. Doch was ihr noch mehr Unbehagen bereitet, ist die OP: „Jetzt soll ich mich aufschneiden lassen wie ein Stück Vieh.“ Während ihr Mann, mit dem sie eine glückliche Ehe zu führen scheint, ihr nichts mehr als Gesundheit wünscht, sagt sie den Termin im Krankenhaus ab. Ihr Arzt fragt eine Kollegin: „Warum halten manche Menschen an ihren Krankheiten fest wie an alten Gewohnheiten?“ Antwort der Psychiaterin: „Weil sie sie brauchen.“

Und ganz so scheint es auch Binder zu gehen. Immer wieder verfolgen sie Visionen von Szenen aus dem OP-Saal, von pumpenden Herzen, von verschwindenden Herzen, vom Leben wie in einem Astronautenanzug unter einer Glocke. Mit dem neuen Leben, das ihr so viel mehr Möglichkeiten bieten würde, kommt sie nicht klar. Das Verhältnis zu ihrem Mann und Freunden bröckelt. Medikamente ignoriert sie. Dafür beginnt sie, ihren Arzt zu stalken, scheint völlig neben der Spur zu sein.

Gedeck spielt diese verletzliche, verzweifelte Frau sehr nahbar. Auch wenn man ihre Reaktionen nicht immer versteht, ihr Verhalten nicht nachvollziehen kann, überwiegt doch eher Mitleid als Verwunderung über oder gar Ablehnung gegen die ganz und gar hilfsbedürftige Frau.

Der Film lebt von den eindringlichen Gesprächen zwischen den Figuren. Sei es Binder, die in der Annahme, die OP nicht überleben zu können, ihrem Mann zuflüstert: „Wirst du da sein, wenn ich aufwache?“ Sei es die Psychiaterin, die auf Binders Aussage, mit dem Tod kenne sie sich aus, erwidert: „Kennen Sie sich mit dem Leben auch aus?“ Sei es der Arzt, der ihr in ihrer Verzweiflung rät: „Vertrauen Sie Ihrem Herzen, es ist alles in Ordnung.“ Oder der den Ehemann fragt, als der einsam im Krankenhaus sitzt: „Fehlt Ihnen was?“ - „Ja, meine Frau.“

Hinzu kommt ein toller Soundtrack (Thomas Jarmer): Mal in Form einer Straßenmusikerin, mal über Ohrstöpsel, mal als Tango auf dem Parkdeck. Der Autorin und Regisseurin Elisabeth Scharang und ihrem Team ist mit der ORF/BR-Produktion jedenfalls ein emotionales Porträt gelungen, das vielfach zum Nachdenken über den Sinn von Leben und Tod anregt.

© dpa-infocom, dpa:200615-99-428729/2

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