Großer Beifall für „Liv Stein“

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Deutsche Presse-Agentur

Mit großem Beifall und Bravo-Rufen ist am Samstag die Tragödie „Liv Stein“ der 26-jährigen deutsch-georgischen Regisseurin Nino Haratischwili am Theater Heidelberg uraufgeführt worden.

In dem kurzweiligen und sehenswerten Stück mit viel Sprachpoesie, Parallelen zum antiken Mythos der Niobe und brutalem Seelenstriptease geht es um die Konzertpianistin Liv Stein, die in ihrer Strenge, Trauer und Kälte überzeugend von Simone Mende verkörpert wird. Die Musikerin hatte ihren Beruf nach ihrer Scheidung und dem Tod ihres 19-jährigen Sohnes Henri „an den Nagel gehängt“.

Die Verarbeitung des Todes steht im Mittelpunkt des Stückes: Eines Tages tritt die junge Klavierschülerin Lore, gekonnt von Monika Wiedemer gespielt, in das Leben der vor sich hin trauernden Pianistin, die während ihrer besten Jahre von Außenstehenden als gefühlskalt und von ihrer Musik besessen bezeichnet wurde. Die Liebe zur Musik hatte keinen Raum mehr für die Liebe zu ihren Nächsten gelassen, Sohn Henri musste auf ein Internat. Lore dagegen ist jung, musikalisch begabt und voller Elan. Sie behauptet, Henri gekannt zu haben. Die beiden ungleichen Frauen treffen deshalb eine Vereinbarung: Lore erzählt von Henri, im Gegenzug soll Liv ihr Klavierunterricht geben.

Mit ihrer unverbrauchten Kraft gelingt es der jungen Schülerin, die Lebensgeister der Klaviervirtuosin zu wecken und beginnt gleichzeitig eine erotische Dreiecksbeziehung mit Livs Ex-Mann (Ronald Funke) und dessen neuer Frau (Helene Grass). Bald steht ein großes Comeback-Konzert von Liv Stein mit Stücken von Sergei Rachmaninow bevor. Als bei der Zugabe des vierhändigen Walzers „La Valse“ von Maurice Ravel auch ihre Klavierschülerin Lore mit auftritt, wird diese im Gegensatz zu der Pianodiva umjubelt und mit Blumen überschüttet.

In der Folge gibt es Zweifel an den Erzählungen Lores und des Lebenslaufes der jungen Frau, die Henri im Internat nicht als Mitschülerin, sondern als Klavier spielende Mensa-Küchenhilfe kennenlernte. Angeblich hatte Henri vor seinem plötzlichen Tod drei wunderschöne Jahre und mit ihr eine Liebesbeziehung. Seine Eltern und besonders die Mutter habe er trotz der räumlichen Trennung sehr geliebt und bewundert. Doch später wird klar, dass Henri besonders seine Mutter gehasst, Lore für seine Rachegefühle instrumentalisiert und für die musikalische und intellektuelle Begegnung mit dieser trainiert hat.

In einem dramatischen Showdown wird sich Lore des Preises bewusst, den eine Weltkarriere verlangt, wenn sie sich weiter von Liv fördern lassen würde. Lore entscheidet sich schließlich, nicht wie mit Henri vor dessen Tod vereinbart, als Racheengel an die Stelle der Mutter zu treten und die gesamte Familie zu zerstören. Sie rettet stattdessen sich selbst und ihre Seele und übergibt Liv Stein das Tagebuch ihres Sohnes. Der Vorhang fällt, als die Pianistin schreiend die letzten Zeilen des ihr unbekannt gebliebenen Sohnes liest: „Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich ihr Gesicht nicht mehr sehen kann, wenn sie Rachmaninow spielt und meine Mutter im Zuschauerraum sich die Finger blutig beißt. Aus Wut. Aus Hass.“

Nino Haratischwili hatte zusammen mit Philipp Löhles im Jahr 2008 den mit 10 000 Euro dotierten Autorenpreis des „Heidelberger Stückemarkts“ gewonnen, führte bei der Umsetzung des eingereichten Stücks selbst Regie und bewies, dass sie zu Recht als eines der größten schriftstellerischen Nachwuchstalente des deutschen Sprechtheaters bezeichnet wird. Dabei überzeugte die Inszenierung der in Tiflis geborenen und in Hamburg aufgewachsenen Autorin ebenso durch den Einsatz eines schlichten Bühnenbildes (Silke Rudolph) mit Tischen, Stühlen und einem verhangenen Klavier im Hintergrund, klassischen und modernen Musikeinspielungen und einem stimmigen Beleuchtungswechsel.

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