Grün schlägt SPD: Überraschung im Online-Wahlkampf

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Deutsche Presse-Agentur

Den ersten Erfolg verbuchen die Grünen zwei Stunden nach der Präsentation ihres Internet-Wahlkampfs. Im Online-Kanal Twitter schlagen sie am Freitag den SPD-Vorreiter Thorsten Schäfer-Gümbel.

Die Grünen liegen mit 2531 Twitterern knapp vor „TSG“ mit 2465 Abonnenten und SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, bei dem aktuell 2450 Leute mitzwitschern. Doch welche Partei am Ende beim Online-Wahlkampf insgesamt die Nase vorn hat und ob sich die schick daherflimmernden Angebote der Parteien 2009 auszahlen, ist offen - die größten Fallstricke im Überblick:

Risiko Langeweile: Beim „Mikroblogging“-Dienst Twitter liegen Komiker und Online-Größen weit vor den Politikern. Niemand will sich langweilen. Aber wie will man als Partei die meist jungen Leute zum Mitmachen anreizen? Spitzenkandidatin Renate Künast: „Dass man nicht unbedingt reinschreiben muss, dass man gerade einen Rollmops gegessen hat, versteht sich von selbst.“ Ihr schwebt für Facebook, Twitter und die anderen Communities eine Mischung vor aus „Was soll ich heute kochen“ und „Hochpolitischem“. Wahlkampfleiterin Steffi Lemke versichert, „abschreckende Programmsprache“ solle es diesmal bei den Grünen möglichst gar nicht geben.

Risiko Zeitmangel: Als oberste Wahlkämpferin hat jemand wie Künast natürlich auch manches andere zu tun. „Ich lasse bei Facebook gegenchecken, was passiert“, sagt sie. Nicht, dass sich da Debatten aufbauen, von denen sie nachher weiß, dass sie lieber vorher eingegriffen hätte. Aber sie schreibe auch selbst, sagt sie. Ebenso Frontmann Jürgen Trittin. Offen ist noch, ob man den im Wahlkampf immer stärker ins Internet flutenden Polit-Mitteilungen ansieht, ob findige Mitarbeiter oder ihre Chefs sie sich ausgedacht haben.

Risiko Zügellosigkeit: Wie deftig darf es zugehen? Als Grünen-Führungspolitiker hat man in der Regel ohnehin reichlich Ärger mit der Basis. Im Moment kocht ein Streit darüber hoch, ob die Grünen eine Ampelkoalition nach der Wahl eingehen sollen. Intern versuchen es Künast und Trittin eher mit traditionellen Mitteln: Telefonkonferenzen und einem im Ton versöhnlichen, in der Sache überwiegend beharrlichen Brief pro Wahlaussage. Doch was ist, wenn es mal im Netz übermäßig Kritik hagelt? „Wir werden solche Debatten munter führen“, verspricht Trittin.

Risiko Zudringlichkeit: Wahlberechtigte wollen nicht auf allen Kanälen bombardiert werden. Lemke: „Wir machen keine permanente Beschallung.“ Die Grünen sind demnach auch schon über simple Online- Unterschriften unter ihren „Gesellschaftsvertrag“ froh, in dem sie ihre Ökostrom- und Sozialziele zusammengefasst haben.

Risiko Datenklau: Wer unterschreibt oder mitdiskutiert, soll keine Angst haben müssen, dass seien Daten sonstwo hinmäandern. Also soll jeder freiwillig über eine Speicherung entscheiden, Gespeichertes jederzeit prüfen und löschen lassen können.

Und was versprechen sich die Politiker? Für die Grünen als kleine Partei mit vergleichsweise bescheidenem Wahlkampfbudget von fünf Millionen Euro insgesamt sei das Netz eine gute Möglichkeit, viele Leute zu relativ günstigen Preisen zu erreichen, sagt Trittin. Doch so günstig sei das Ganze auch wieder nicht, schränkt Lemke ein. Aber hoffentlich lohnend: „Wir erwarten eine Unterstützer- und Sympathie-Welle.“

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