„Glaubensfrage“: Meryl Streep als strenge Nonne

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Deutsche Presse-Agentur

Gerüchte können sehr gefährlich sein. Sie müssen zwar nicht unbedingt wahr sein, dennoch haben sie eine gewisse Macht - und richten so häufig großen Schaden an.

Genau darum geht es nun auch in dem Film „Glaubensfrage“, für den Regisseur John Patrick Shanley sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Broadway-Stück selbst für die Leinwand adaptierte: Im noch sehr traditionell orientierten Amerika der sechziger Jahre setzt eine Nonne Gerüchte über einen liberalen Pfarrer in die Welt, die schließlich sogar seine Existenz gefährden. Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman liefern sich in diesem thrillerartigen Gesellschaftsdrama um religiösen Wahn, Scheinheiligkeit und Macht einen erbitterten und spannenden Kampf.

Es ist eine sehr gut organisierte Welt, in der Schwester Aloysius (Streep) 1964 lebt. Sie ist Direktorin einer Schule in der Bronx, die sie mit strenger Hand führt. Kein Fehlverhalten der Schüler bleibt unbemerkt oder ungestraft, kein freundliches Lächeln entweicht ihren Lippen.

Ganz anders ist dagegen der charismatische Priester Pater Flynn (Hoffman). Er will die strengen Regeln der Schule aufbrechen und frischen Wind zwischen die alten Klostermauern bringen. Doch sein Verhalten ist Schwester Aloysius suspekt. Sie will Pater Flynn loswerden. Als ihr dann die naive Schwester James (Amy Adams) berichtet, dass Pater Flynn dem einzigen farbigen Schüler der Schule, dem jungen Donald, ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit schenkt, startet Schwester Aloysius ihre Hetzkampagne. Ohne auch nur einen Beweis zu haben, aber mit jeder Menge Moral und Hirngespinsten beladen, nimmt sie den Kampf gegen den vermeintlich gefährlichen Pater auf.

Regisseur Shanley, der bislang vor allem als Drehbuchautor von sich reden machte und für die Vorlage zu „Mondsüchtig“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, erzählt seine Geschichte vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Umbrüche in den USA: Präsident John F. Kennedy war erst vor wenigen Monaten erschossen worden, der drohende Vietnamkrieg verunsicherte die Bevölkerung und die Rassentrennung teilte das Land in zwei Lager.

In dieser Situation wirkt Pater Flynns Verhalten auf Schwester Aloysius mehr als merkwürdig, stellt er doch ihr gesamtes System infrage. Sie bangt daher um den guten Ruf der Schule, die Stellung der Kirche und natürlich auch ihren Einfluss. Diese Rolle der kalten Schwester verkörpert Meryl Streep erschreckend glaubwürdig. Unterhielt sie vergangenen Sommer im Kino-Hit „Mamma Mia“ noch ausgelassen ein Millionenpublikum, zeigt sie nun eine völlig andere Seite - was ihr mindestens genauso gut gelingt.

Doch in Philip Seymour Hoffman hat sie dabei einen ebenbürtigen Gegenspieler, der durch seine Darstellung des Paters durchaus Grund zu Spekulationen ermöglicht. Sein Verhalten wirkt undurchsichtig und daher angreifbar, gerade wenn man die realen Enthüllungen über Priester im Hinterkopf hat, die Kinder sexuell misshandelt haben. Vor allem aber bewies Hoffman bereits in früheren Rollen, wie genial er zweifelhafte Charaktere darstellen kann - man traut seinen Rollen einiges zu. Deswegen stellt sich beim Zuschauer bald die Frage: Erfindet Schwester Aloysius nur infame Lügen oder ist am Ende doch etwas an diesen Gerüchten dran?

Hinzu kommt, dass Regisseur Shanley seinen Film eher langsam inszeniert und Dinge nur andeutet, aber nicht eindeutig klärt. Damit bleibt Raum für Spekulationen in beide Richtungen und man weiß lange nicht, welche der beiden Personen Recht hat. Daher können sich Streep und Hoffman ein einzigartiges und nervenzerreißendes Kammerspiel liefern, bei dem am Ende nur eines zählt: Wer die Maske am längsten aufbehält, hat gewonnen.

www.glaubensfrage-derfilm.de

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