Gebrochene Beziehungen: „Kintsugi“ landet auf Shortlist

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Autorin Miku Sophie Kühmel
Miku Sophie Kühmel ist mit ihrem Romandebüt auf der Shortlist gelandet. (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Julia Kilian

Wenn eine Schale zu Bruch geht, landet sie oft im Mülleimer. In Japan dagegen gibt es eine Tradition, Zerbrochenes auf besondere Art zu kitten: Das Keramikstück wird wieder zusammengesetzt und die Risse werden mit Gold gefüllt.

Nach diesem Brauch hat die Autorin Miku Sophie Kühmel ihren Debütromen benannt. „Kintsugi“ hat nun Chancen auf den Deutschen Buchpreis.

Kühmels Roman ist einer von sechs nominierten Titeln. Die 27-Jährige stammt aus Gotha in Thüringen und lebt in Berlin. In ihrem Erstlingswerk schickt sie vier Menschen in ein Wochenendhaus. Zum einen sind da Max und Reik, die beiden Männer sind seit 20 Jahren ein Paar. Hinzu kommt ihr bisexueller Bekannter Tonio. Er bringt seine Tochter Pega mit, die alle zusammen großgezogen haben.

Die Figuren sind miteinander verbunden und erst mit der Zeit werden ihre Probleme erkennbar. Kühmel lässt ihren Roman im vermeintlichen Künstler-Bohème-Design-Milieu spielen. In einem Haus, in dem Lebensmittel im Weidenkorb aufbewahrt werden und Sideboards von belgischen Architekten stammen. Draußen liegt ein Brandenburger See.

Die Autorin lässt jede Figur in einem langen Kapitel ihre Geschichte erzählen. Dazwischen schiebt sie Dialoge und Szenen. Die Jury lobte den Roman in ihrer Vorauswahl für den Deutschen Buchpreis als „psychologisches Kammerstück“, es sei ein Buch, das nach heutigen Liebes- und Lebenskonzepten frage. Dazu gehört etwa die Frage, wie Familie und Elternschaft aussehen können.

Kühmel hat sich eine interessante Konstellation überlegt. Aber beim Erzählen traut sie ihrem Leser zu wenig zu. Die meiste Zeit formuliert sie Gedanken beharrlich aus, statt mal nur Bruchstücke zu beschreiben und die Leser selbst rätseln zu lassen. Manchmal hätte es gut getan, den einen oder anderen Satz zu streichen.

Etwa wenn der Künstler Reik in einem Vergleich beschreibt, wie auf „in der Drogerie um die Ecke ausgedruckten Fotos in großen Lettern HAPPY FAMILY oder LOVE“ prange. „Wo in leuchtenden Buchstaben LOVE draufsteht, ist nie LOVE drin“, sagt er. Ein guter Satz, über den man nachdenken könnte. Käme nicht gleich einer nach: „Meistens verbergen sich dahinter vor allem zerrüttete persönliche Verhältnisse.“

Vor allem am Anfang ist vieles sprachlich zu gewollt. Ein Schlüssel wird dem anderen aus der Hand „geklaubt“. Stühle werden „runksend“ von „Kniekehlen nach hinten gestoßen“. Es „kracht“ und „rasselt“, wo es nicht notwendig wäre. Und wenn eine drohende Valium-Abhängigkeit zum „gefährlichen Flirt“ wird, muss man drüber hinweglesen können.

Kühmel schafft aber einen kleinen Kosmos, in dem die Menschen liebevoll miteinander umgehen. Auch wenn Beziehungen brechen, scheinen sie nie wirklich kaputt. „Vielleicht schreibe ich mir ein Stück weit Leute, wie ich sie mir wünsche, dass sie miteinander umgehen“, sagte Kühmel in einem Interview des Bayerischen Rundfunks. „Das könnte schon sein.“ Als sie dieses Buch geschrieben habe, sei ihre Frage gewesen: Was mache sie mit dem Scherbenhaufen, wenn Wegschmeißen keine Option sei. Kintsugi sei der Ansatz, „Dinge mit einer gewissen Behutsamkeit, mit Zeit, Offenheit, Geduld wieder zusammenzusetzen“.

- Miku Sophie Kühmel: Kintsugi, S. Fischer Verlag, 304 Seiten, 21,00 Euro, ISBN 978-3-10-397459-1.

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