Ganz großes Naturkino:100 Jahre Grand Canyon

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Frank Herrmann
Frank Herrmann

Amerika ist das Land des Kinos, das Land Hollywoods. Und damit eben auch das Land des Star-Wars-Epos. Kevin Chandler weiß, dass sich Geologie leichter erklären lässt, wenn man, zum Beispiel, den cineastischen „Krieg der Sterne“ zum Vergleich heranzieht. Rechne man alle bisherigen Filme der Serie zusammen, komme man auf 22 Stunden und eine halbe, setzt er den Ausgangspunkt. Nur mal angenommen, dies wäre die Länge der Entstehungsgeschichte der Erde: „Raten Sie mal, an welcher Stelle wir bei Star Wars wären, als der Fluss begann, seine Schlucht ins Colorado-Plateau zu meißeln?“

Nach ein paar schüchternen Wortmeldungen gibt er selber die Antwort, der bärtige Mann in der olivgrünen Uniform der Park-Ranger. „Zwei Minuten vor Ende des letzten Films wären wir. Da läuft schon der Abspann, schätze ich“, sagt er und genießt die staunenden Blicke. Als Nächstes fragt er, wann wohl der Mensch mitzuspielen beginne in der Sternenkriegsserie. Die Antwort überrascht nun schon keinen mehr: drei bis vier Sekunden vor Schluss.

Oben Schnee, unten der Colorado River

Chandler steht am Panoramafenster eines kleinen Geologiemuseums am Yavapai Point, umgeben von Reliefs, Landkarten, Grafiken. Der Blick nach draußen ist atemberaubend. Schroffe Gesteinsformationen, mal rot, mal braun, mal eher grau, lassen an eine Ansammlung mittelalterlicher Burgen denken. Jeder Berg eine Burg für sich, von der jeweils nächsten getrennt durch tiefe Gräben. Oben liegt Schnee, unten fließt, vom Yavapai Point nur durch einen schmalen Spalt zwischen den Felsen zu erkennen, der Colorado River.

Der Park-Ranger Chandler spricht eher nüchtern von einem weit geöffneten Fenster, das einen auf die Entstehungsgeschichte der Erde schauen lasse. Ganz unten, dunkelgrau, der Vishnu-Schiefer, ganz oben, rötlich, die Kaibab-Formation, weit über eine Milliarde Jahre Erdgeschichte in einem Schaufenster. Vor gerade mal sechs Millionen Jahren, sagt Chandler, habe der Colorado begonnen, sich sein mächtiges Tal zu graben.

Der US-Präsident als oberster Theodore Roosevelt

Der Grand Canyon erfülle ihn mit Ehrfurcht, schwärmte schon Theodore Roosevelt, von 1901 bis 1909 Präsident der USA. „Tut nichts, was seine Pracht, seine Erhabenheit, seine Schönheit beeinträchtigen könnte. Ihr könnt nichts besser machen.“ Wer weiß, wie es heute aussähe, hätte Roosevelt nicht auf strikten Regeln bestanden. Vielen Amerikanern gilt die Nummer 26 ihrer Präsidentenchronik als der Mann, dem sie ihre grandiosen Nationalparks zu verdanken haben, auch wenn dies die wahre Nationalparkgeschichte erheblich verkürzt.

1908 erklärte der New Yorker den Grand Canyon zum Nationalmonument. 1919, knapp zwei Monate nach Roosevelts Tod, beschloss das Parlament, einen Teil der Schluchtenlandschaft als öffentlich zugänglichen Park zu reservieren und normaler Bebauung zu entziehen, „zum Nutzen und Vergnügen des Volkes“, wie es im offiziellen Text hieß.

Es waren Konquistadoren unter dem Kommando des spanischen Adligen Francisco Vázquez de Coronado, die den Grand Canyon 1540 für die nichtindianische Welt entdeckten. Angeführt von Coronado, marschierten Soldaten der Kolonialarmee auf der Suche nach sagenhaftem Reichtum von Mexiko-Stadt in Richtung Norden. Im heutigen Arizona ließen sie sich von den Zuni-Indianern das Märchen auftischen, weiter im Westen gebe es sie tatsächlich, die sieben goldenen Städte von Cibola, die zu finden sie aufgebrochen waren.

„Grand“ statt „Big“

Schließlich erhielt Garcia López de Cárdenas, einer von Coronados Offizieren, den Auftrag, zu jenem großen Fluss vorzustoßen, von dem Ureinwohner vom Stamm der Hopi den Spaniern erzählt hatten. Von ortskundigen Hopi geführt, waren Cárdenas und seine Männer im September 1540 die ersten Weißen, die den riesigen Graben des Colorado zu Gesicht bekamen. Mitte des 19. Jahrhunderts folgten die Amerikaner. Den Anfang machte 1858 der Leutnant Joseph Christmas Ives, der an Bord eines Raddampfers den Colorado hinauffuhr, in ein Boot umstieg, als es mit dem Dampfer nicht weiterging, und den Grand Canyon schließlich zu Fuß erreichte. Die zerklüftete Hochebene, schrieb er, gleiche einer gewaltigen Ruine. Dass der Anblick einmal bis zu sechs Millionen Touristen pro Jahr anlocken würde, überstieg die Vorstellungskraft des Leutnants. „Es scheint von der Natur so gewollt zu sein, dass der Colorado River im größeren Abschnitt seines einsamen und majestätischen Weges für alle Zeiten weder besucht noch gestört werden wird.“

Ives sprach noch vom Big Canyon, erst John Wesley Powell, Naturhistoriker und Major der US-Armee, ersetzte das „Big“ durch ein „Grand“. 1869 startete ein von Powell geführter Trupp in Green River, einer Siedlung in Wyoming, zu einer Erkundungstour. Er meisterte sämtliche Stromschnellen, sodass er – es war der Durchbruch der Grand-Canyon-Erkundung – die einzelnen Flussabschnitte Szene für Szene beschreiben konnte. Davon wäre heute wahrscheinlich nicht mehr viel zu sehen, hätten sich die Befürworter eines Staudammprojekts durchgesetzt.

Der Kampf um die Dämme

Der Kampf um die Dämme steuerte im Hotel El Tovar auf seinen Höhepunkt zu, in nächster Nähe des Abgrunds gelegen. 1966 kam es dort zum Showdown. Zu der Zeit gab es im größeren Umkreis bereits zwei Staumauern, den Hoover Dam in der Nähe von Las Vegas und den Glen Canyon Dam an der Grenze zum Bundesstaat Utah. Dämme galten als Fortschrittssymbole, folglich sollten mitten im Grand Canyon zwei weitere entstehen. Die Regierung in Washington machte sich für das Projekt stark, in Arizona war es der Lokalmatador Barry Goldwater, 1964 Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der sich dafür ins Zeug legte. Als bei einem Symposium im El Tovar die Argumente aufeinanderprallten, sah es zunächst so aus, als hätten Goldwater und dessen Gesinnungsgenossen die Sache für sich entschieden.

Hinterher aber flog der wichtigste Gegenspieler des Senators, ein Kalifornier namens Martin Litton, mit Journalisten im Helikopter über die Schlucht. An deren Nordrand verdeutlichte er, was alles überspült werden würde, sollte die Pro-Damm-Fraktion siegen.

Der Blick ging auf die Lava Falls, die spektakulärsten Stromschnellen des Colorado, die bald keiner mehr bestaunen könnte. Kaum hatten die sichtlich beeindruckten Reporter ihre Geschichten geschrieben, ging eine Flut von Protestbriefen im Weißen Haus ein. Der Sierra Club, der Verband der Naturfreunde, der in Litton einen ebenso engagierten wie einfallsreichen Sprecher gefunden hatte, schaltete ganzseitige Zeitungsannoncen: „Sollten wir nun auch die Sixtinische Kapelle fluten, damit die Touristen den Deckenmalereien näher sein können?“ 1968 wurde die Staudamm-Blaupause ad acta gelegt. Martin Litton hatte die große Schlacht um den Grand Canyon gewonnen.

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