„Frost/Nixon“: Watergate-Affäre als Leinwand-Duell

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Deutsche Presse-Agentur

Ein Politskandal, der mehr als 30 Jahre zurückliegt, erzählt als Kammerspiel zwischen zwei Protagonisten - das ist eigentlich nicht der Stoff, aus dem großes Kino gemacht wird.

Doch dem Oscarpreisträger Ron Howard („A Beautiful Mind“) ist mit seinem Film „Frost/Nixon“ dieses Kunststück gelungen. Er inszeniert das legendäre TV-Interview, das der britische Journalist David Frost 1977 mit dem früheren US-Präsidenten Richard Nixon zum Watergate-Skandal führte, als dichtes und spannendes Leinwanddrama. Der Film ist für fünf Oscars nominiert - darunter auch in der Königskategorie als Bester Film.

Das Nixon-Interview schrieb damals Fernsehgeschichte. Drei Jahre nach seinem unrühmlichen Abgang aus dem Weißen Haus ließ sich „Tricky Dick“, der langel unbeliebteste Präsident der Vereinigten Staaten, erstmals zu seiner Verstrickung in den Abhörskandal befragen. Allein die erste Folge des insgesamt sechsstündigen Gesprächs sahen 45 Millionen Zuschauer - ein in der US-Geschichte bisher einmaliger Rekord für ein politisches Interview. „Warum haben Sie die Tonbänder nicht einfach verbrannt?“, fragt der Moderator zum Eingang. Und später fällt Nixons unvergesslicher Satz: „Wenn der Präsident es tut, bedeutet das, es ist nicht illegal.“

Der Film von Hollywood-Altmeister Howard basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück des britischen Autors Peter Morgan, das 2006/2007 in London und New York Triumphe feierte. Der Regisseur gewann für seine Kinoversion das hochgelobte Bühnenteam: den für seine Leistung mit einem Tony-Award ausgezeichneten Nixon-Darsteller Frank Langella und als seinen Counterpart den britischen Schauspieler Michael Sheen, der schon 2006 als Tony Blair in dem Politdrama „Die Queen“ für Aufsehen gesorgt hatte. Wie in einem Boxkampf lässt Howard beide gegeneinander antreten - die Spannung steigt von Runde zu Runde, bis zum letzten, alles entscheidenden Duell.

Im Ring steht auf der einen Seite ein cleverer, redegewandter Politprofi, der sich auch Jahre nach der beispiellosen Abhöraktion bei der konkurrierenden demokratischen Partei keinerlei Schuld bewusst ist. Als Interviewer hat er sich einen gerade geschassten, leichtfüßigen Fernsehplapperer ausgesucht, weil er glaubt, mit ihm einfaches Spiel zu haben und sich so von seiner Schmach reinwaschen zu können. Doch auch bei David Frost geht es um alles oder nichts: Er hat Nixon mit einem Honorar von 600 000 Dollar zu dem Gespräch bewegt, kein Sender jedoch will ihm die Geschichte abkaufen. Wenn er nicht den absoluten Knaller bringt, ist er auf immer ruiniert.

Anfangs scheint Nixons Rechnung aufzugehen. Mit machiavellistischem Starrsinn walzt er den zu wenig erfahrenen Moderator aus dem Weg. Doch schließlich, nach einem nächtlichen Anruf des betrunkenen Ex-Präsidenten, erwacht in Frost der Ehrgeiz. Fieberhaft lässt er die Hintergründe recherchieren, Munition sammeln - und bekommt am Ende von einem zusammenbrechenden Nixon ein Bekenntnis, wie er es wohl selbst nicht erwartet hat. „Das amerikanische Volk...Ich habe es getäuscht“, gesteht er. „Ich habe das Land verraten.“

„Jeder Dreh war spannend, jeder Dreh war ein Powerhaus“, sagte Howard kürzlich. Verantwortlich dafür zeichnet vor allem Langella, der sich mit seiner Präsidentenfigur nicht vor dem atemberaubenden Auftritt verstecken muss, den Anthony Hopkins 1995 in Oliver Stones Werk „Nixon“ lieferte. Obwohl ihm äußerlich gar nicht so ähnlich, spielt Langella die Einsamkeit und Sturheit dieses Machtmenschen derart intensiv, dass er eins scheint mit ihm. Der „echte“ David Frost, inzwischen zum Sir geadelt, erzählte von einem Setbesuch, Langella habe sich vom Drehpersonal sogar als „Mr. President“ ansprechen lassen, um wirklich in seiner Rolle zu leben.

Brillant ist aber ebenso das Drehbuch von Peter Morgan. Der Autor, der schon mit „Die Queen“ und „Der letzte König von Schottland“ sein Gespür für zeitgeschichtliche Themen bewiesen hat, liefert auch für die Filmadaption seines Stücks eine packende Vorlage. „Es ist ein Spiel, kein historisches Dokument“, sagte er einmal. „Gelegentlich habe ich es nicht geschafft, meine Fantasie auszublenden.“

In Amerika, wo die schon Anfang Dezember angelaufene Geschichte auch Assoziationen an die ausgehende Bush-Ära wachrief, stieß der Film überwiegend auf Lob, auch wenn die „New York Times“ von einem „abgefilmten Redemarathon“ sprach. Und die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden urteilte: „"Frost/Nixon" ist ein Glücksfall des politischen Kinos, er ist ein Politthriller der besonderen Art.“

www.frost-nixon-film.de

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