Fremd im Land der Väter: Warum Russlanddeutsche AfD wählen

Viel Grün, viel Beton: Jeder dritte Deutsche hat in Ulm-Wiblingen einen Migrationshintergrund.
Viel Grün, viel Beton: Jeder dritte Deutsche hat in Ulm-Wiblingen einen Migrationshintergrund. (Foto: Roland Rasemann)
Simon Haas
Redakteur

Russlanddeutsche galten lange Zeit als treue CDU-Wähler, doch seit der Flüchtlingskrise ist plötzlich alles anders – eine Spurensuche in Ulm-Wiblingen, wo jeder Dritte AfD gewählt hat.

Russland in Wiblingen ist rund 100 Quadratmeter groß. Hier, versteckt im Erdgeschoss einer Plattenbaukaserne, regieren Weiß-Blau-Rot und das kyrillische Alphabet, sogar eine russischsprachige Literaturabteilung gibt es in dem kleinen Supermarkt. Die ist so bunt und uneinheitlich wie die multinationale Kundschaft: Eine illustrierte Ausgabe des Neuen Testaments liegt dort neben einem martialisch bebilderten Leitfaden zur „Terror-Abwehr“ und einer Einführung in den Buddhismus. Darüber hängen elektrisch animierte Wandbilder von Sandstränden und windschiefen Blockhütten. Alles wirkt irgendwie bunt und schrill, Nicht-Russen würden wohl sagen: kitschig.

Der Herr über den russischen Mikrokosmos heißt Alexander Meier, ein freundlicher Mann mit weißen Haaren und schwarzem Schnauzer. Kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion kam der studierte Elektroingenieur aus Kasachstan nach Deutschland, seit 1997 verkauft er im „Universam“ eingelegte Fassgurken, Fertig-Borschtsch und russisches Konfekt, nebenbei nimmt er auch Pakete für die russische Post an und vermittelt Bus- und Flugreisen.

Früher war der Ulmer Stadtteil CDU-Hochburg. In einem Wahllokal am Wiblinger Tannenplatz stimmten jetzt 29,1 Prozent für die AfD
Früher war der Ulmer Stadtteil CDU-Hochburg. In einem Wahllokal am Wiblinger Tannenplatz stimmten jetzt 29,1 Prozent für die AfD. (Foto: Roland Rasemann)

Meier gibt sich aufgeschlossen, ist offensichtlich gut informiert über die deutsche Politik. Wenn er lacht, ziehen sich seine braunen Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und sein Hals verschwindet im Hemdkragen. Vor ein paar Jahren saß er noch im Ortsvorstand der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland; die Wiedervereinigung und Helmut Kohls Aussiedlerpolitik nennt er „einen großen Sieg“. Die Merkel-CDU aus dem Jahr 2016? Erkenne er nicht wieder. Über die AfD möchte sich Meier allerdings ungern öffentlich äußern. Zu seinen Kunden zählen schließlich nicht nur Russlanddeutsche, sondern auch Türken, Albaner, Rumänen. „Politik ist schlecht fürs Geschäft“, sagt Meier und lacht.

Jeder Dritte wählt hier die AfD

Eine klare Sprache spricht dagegen das Ergebnis der Landtagswahl in der ehemaligen CDU-Hochburg: Im Schulzentrum beim Tannenplatz, unweit von Meiers Supermarkt, hat fast jeder Dritte seine Stimme der AfD gegeben – der höchste Wert in ganz Wiblingen und rund 16 Prozent über dem Ulmer Schnitt. Vor fünf Jahren machten in demselben Wahllokal noch gut 40 Prozent ihr Kreuz bei der CDU. Jetzt ist die alte Aussiedler-Partei in Böfingen und Wiblingen, beides Stadtteile mit einem hohen Anteil an Russlanddeutschen unter den Bewohnern, auf teilweise unter 15 Prozent abgesackt. Das Ergebnis passt ins Bild: In einer der größten Aussiedlergemeinden Deutschlands, dem Pforzheimer Stadtteil Haidach, holte die AfD sogar ganze 43 Prozent der Stimmen.

In keinem zweiten Ulmer Stadtteil leben so viele Deutsche mit Migrationshintergrund wie in Wiblingen. Wie viele Russlanddeutsche darunter sind, weiß allerdings niemand so genau; die meisten wurden nach ihrer Ankunft umgehend eingebürgert, oft zusammen mit ihren Kindern und russischstämmigen Angehörigen.

Parkhaus in Ulm-Wiblingen.
Parkhaus in Ulm-Wiblingen. (Foto: Roland Rasemann)

Bundesweit wird deren Zahl mal auf drei, mal auf sechs Millionen geschätzt. Fest stand bislang nur: Russlanddeutsche haben sich laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge „geräuschlos“ in ihre neue Heimat eingelebt. Zweitens: Wahlkampf können sich alle Parteien getrost sparen. Denn die Nachfahren der deutschen Siedler in Russland wählten ohnehin schwarz – aus Dankbarkeit gegenüber Helmut Kohl, der sie 1990 in einer großen patriotischen Geste zurück ins Land der Väter rief. Beide Gewissheiten, die geräuschlose Integration sowie die immerwährende Parteipräferenz für die CDU – in der Flüchtlingskrise geraten sie ins Wanken.

Russland als neue Schutzmacht

Denn seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht wurden die Stillen plötzlich laut. Der „Fall Lisa“, eines angeblich von muslimischen Flüchtlingen vergewaltigten russlanddeutschen Mädchens aus Berlin, führte bundesweit zu empörten Reaktionen. Russische Medien hatten zuvor ausführlich darüber berichtet. 20 zeitgleiche Anti-Flüchtlings-Demos gab es im Südwesten, allein vor der Ellwanger Landeserstaufnahmestelle machten rund 500 Spätaussiedler ihrem Ärger Luft. Sogar Russlands Außenminister Lawrow schaltete sich in den Konflikt ein und reklamierte den Schutz „unserer Lisa“ – eine verkehrte Welt für die Russlanddeutschen, die sich noch vor wenigen Jahren als natürliche Schutzbefohlene der Christdemokraten sahen. Inzwischen ist klar: Die Vergewaltigung hat es nie gegeben, Lisa hatte einvernehmlich Sex mit zwei türkischstämmigen Erwachsenen, ihre Eltern – das kann man in amtlichen Mitteilungen nachlesen – sind Pegida- und NPD-Anhänger.

Alexander Meier vom russischen Supermarkt jedenfalls traut weder den russischen noch den deutschen Medien. Er sagt: „Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.“ Der Ulmer Stadtrat Michael Joukov bezweifelt denn auch, dass der als russische Propagandakampagne entlarvte Fall die erhitzten Gemüter beruhigen kann. Denn am grundsätzlichen Problem ändere sich nichts: Eine Minderheit der Russlanddeutschen hat immer noch keinen Zugang zur deutschen Mehrheitsgesellschaft und fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Schlechte Deutschkenntnisse führten außerdem dazu, dass die Abgehängten häufiger russische als deutsche Medien konsumierten. „Und dort bekommen sie nicht selten den Eindruck vermittelt, Deutschland stehe angesichts der vielen Flüchtlinge am Rande eines Bürgerkriegs.“

Autoritätsbedürftig, Putin-hörig?

Joukov ist Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Ulmer Stadtrat und selbst in Russland geboren. Seine Eltern wohnen noch heute in einem der vielen Wiblinger Hochhäuser. Dabei sieht er mit seinem sorgfältig gebügelten Hemd und der dicken Zigarre, die er ständig bei sich trägt, gar nicht aus wie ein typischer Grüner – und redet auch nicht so. Bei einem Rundgang durch Wiblingens Plattenbau-Labyrinth fallen Sätze wie: „Hier wohnen eher die klassischen Hartzer“ und: „Wer in Deutschland lebt, hat Deutsch zu sprechen“.

„Wer in Deutschland lebt, hat Deutsch zu sprechen“, sagt der Ulmer Stadtrat Michael Joukov, der selber in Russland geboren ist.
„Wer in Deutschland lebt, hat Deutsch zu sprechen“, sagt der Ulmer Stadtrat Michael Joukov, der selber in Russland geboren ist. (Foto: Simon Haas)

Joukov sagt, er sei ein Mann der klaren Worte. Und als solcher hat er auch wenig Hemmungen, mit seinen ehemaligen Landsleuten hart ins Gericht zu gehen. Vor allem die Älteren seien das Problem, bei den Jüngeren funktioniere die Integration meist über das deutsche Bildungssystem. „Man darf nicht vergessen, dass die Russlanddeutschen aus einem Obrigkeitsstaat kommen. In Deutschland hatten sie die Erwartung, dass ein gütiger Herrscher alles für sie regeln würde. Als diese dann enttäuscht wurde, wandten sich viele von unserem Staatsmodell ab.“ Der ideale Nährboden für die Ideen einer Protestpartei.

Tatsächlich sympathisieren nicht wenige in der AfD offen mit dem vom Westen mit Wirtschaftssanktionen abgestraften Russland. Markus Frohnmaier aus Villingen-Schwenningen zum Beispiel. In seinem Twitter-Profil gibt sich der Bundesvorsitzende der Jungen Alternativen als umtriebiger Politik-Profi: Maßanzug, iPhone am Ohr, der Blick auf die Uhr gerichtet, im Hintergrund die Umrisse einer Oberklassen-Limousine. Sein Twitter-Account gleicht einem Poesiealbum der deutsch-russischen Freundschaft: Auf Fotos ist vor allem er zu sehen, wie er russischen Unternehmern und Politikern stolz die Hand schüttelt und in die Kamera lacht. Ein weiteres Bild zeigt einen Bären und einen Wolf unter einer schwarz-rot-goldenen Flagge, die nach der Hälfte die Farben der russischen Trikolore annimmt. Daneben steht: „niemals gegeneinander“. In anderen Worten: immer zusammen gegen den gemeinsamen Feind. Und der heißt vor allem Europäische Union.

CDU-Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter etwa vermutet schon lange, dass der Kreml rechtspopulistische Parteien wie die AfD direkt oder indirekt finanziell unterstützt. Jetzt will auch die Bundesregierung verstärkt gegen russische Spionage, Propaganda und Desinformation in Deutschland vorgehen. Laut einem Bericht der „Welt am Sonntag“ hatte sie den Chefs von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz bereits Anfang Februar einen entsprechenden Auftrag erteilt. Die Russlanddeutschen, die einst Helmut Kohl zurück ins Land der Väter holte – haben sie sich tatsächlich von den angeblich „besseren Deutschen“ – fleißig, ordentlich und konservativ – zu Agenten von Wladimir Putin gewandelt?

Dunkle Kindheitserinnerungen

Junge Russlanddeutsche wie Christine Sedusow zählen jedenfalls weder zur einen, noch zur anderen Kategorie. Die 26-Jährige lebt seit fast zwei Jahrzehnten hier, ging in Wiblingen aufs Gymnasium, hat deutsche Freunde, wählt SPD. Mit ihrer alten Heimat verbindet sie kaum noch etwas; geblieben sind ihr ein paar dunkle Kindheitserinnerungen an lange Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften und gefälschte westliche Lollis aus Seife.

Russisch spricht sie nur noch selten – im Gegensatz zu ihrer deutschstämmigen Mutter und ihrem russischen Vater. Die lehnen Merkels Flüchtlingspolitik genauso ab wie die Asylbewerberunterkunft, die in ihrer Nachbarschaft entstehen soll. „Auf Familienfeiern ist die Flüchtlingskrise das beherrschende Thema“, erzählt die junge Krankenschwester. Immer wieder würden dort Parallelen zur eigenen Flüchtlingsgeschichte gezogen – allerdings nicht, um sich mit den Geflohenen zu identifizieren, sondern um sich von ihnen abzugrenzen: Sie, die Russlanddeutschen, hätten in der alten Heimat jahrelang auf einen „Registrierschein“ warten müssen, die Araber hingegen kämen einfach über die Grenze gelaufen und hätten umgehend Anspruch auf Sozialleistungen – Diskussionen, die in ähnlicher Form auch vor 25 Jahren geführt wurden. Allerdings nicht von Russlanddeutschen.

Debatten wie einst

Spätaussiedler, so dachten viele – das sind Leute, die auf Deutsch machen, um an Rente und Sozialhilfe zu kommen ohne je einen Finger dafür krumm gemacht zu haben oder auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen. Damals wie heute mussten sich CDU-Kanzler für ihre Flüchtlingspolitik rechtfertigen: Helmut Kohl für seine angebliche Deutschtümelei, Merkel für den von ihr verschuldeten Untergang des Abendlands. Befürchtungen, die „Wirtschaftsflüchtlinge“ könnten die Wohnungsnot verschärfen und den Arbeitsmarkt belasten, gab es schon damals. Auch in Ulm wurde diese Debatte geführt, als die Stadt Anfang der 1990er-Jahre in Wiblingen ein Aussiedlerheim plante – dort, wo übrigens auch Sedusows Familie später vorübergehend wohnen sollte. Eine Ironie, die auch dem Grünen-Stadtrat Michael Joukov nicht entgangen ist: „Hätten wir damals auf die Argumente der Kritiker gehört, die Russlanddeutschen wären heute wohl nicht hier.“

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