Frankreich beschließt härtere Strafen für sexistische Belästigungen

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 Marie Laguerre wird in Frankreich für ihren Kampf gegen sexuelle Belästigung gefeiert.
Marie Laguerre wird in Frankreich für ihren Kampf gegen sexuelle Belästigung gefeiert. (Foto: afp)

Der Kampf gegen sexuelle Belästigung auf der Straße hat seit dem Wochenende einen Namen: Marie Laguerre. Die 22-jährige Frau stellte ein Video ins Netz, auf dem sie am helllichten Tag von einem Mann mit anzüglichen Gesten und Geräuschen verfolgt wird.

Als sie ihm vor einem Straßencafé „Halt’s Maul“ zuruft, wirft er den Aschenbecher nach ihr. „Ich ertrage diese Art von Verhalten nicht. Ich wollte nicht den Mund halten und wir dürfen nicht den Mund halten“, fordert die Studentin auf ihrer Facebook-Seite. Für ihre Widerworte bekommt sie einen heftigen Schlag verpasst, bevor ein Barbesucher den Angreifer mit einem Stuhl bedroht und so verjagt. Marie geht zunächst unter Schock nach Hause und kehrt dann in die Bar zurück, um die Bilder der Überwachungskamera zu holen und Anzeige zu erstatten.

Seither ist die Architekturstudentin zu einer Heldin im Kampf der Frauen gegen Belästigung geworden. „Marie symbolisiert gegen ihren Willen das, was viele Frauen erleben und wovor sie Angst haben“, sagt die Psychiaterin Muriel Salmona der Zeitung „Le Parisien“. Gleichstellungsstaatssekretärin Marlène Schiappa empören die Bilder der jungen Frau. Überrascht ist die 35-Jährige aber nicht. „Wir waren alle schon einmal betroffen“, bemerkt sie. 81 Prozent der Frauen gaben in einer Ifop-Umfrage im April an, schon einmal auf der Straße belästigt worden zu sein.

Ein jüngst in der Nationalversammlung verabschiedetes Gesetz, das Schiappa im Frühjahr einbrachte, stellt nun grobe Anmache auf öffentlichen Plätzen unter Strafe. Geldbußen zwischen 90 und 750 Euro werden für Pfiffe, unflätige Sprüche oder Nachstellen fällig. Im Herbst, wenn das Gesetz in Kraft tritt, wird sich auch zeigen, wie es in der Praxis umgesetzt werden kann. Denn nur selten dürften die Männer, die Frauen hinterherpfeifen, auch wirklich geschnappt werden.

Auch Maries Angreifer ist weiter auf freiem Fuß. „Wir können nicht hinter jede Frau einen Polizisten stellen“, räumt Schiappa ein. „Genauso wenig wie hinter jedes Stopp-Schild.“ Doch sie hofft, dass sich die Mentalitäten langsam ändern. Vor allem, wenn mehr Zeugen bereit sind, gegen die Angreifer auszusagen. Dazu ruft die engagierte Politikerin auf – „auch im Fall der Fußball-WM“.

#MeToo brachte die Veränderung

Zahlreiche Frauen hatten sich nach dem WM-Titel der Nationalmannschaft gemeldet, weil sie bei den Feiern begrapscht worden waren. „Gestern hat mich direkt nach dem Sieg Frankreichs ein Fan auf der Straße angegriffen. Er hat mich gewaltsam geküsst, obwohl ich ihn zurückgestoßen habe, er hat meine Brüste berührt und mir zwischen die Beine gegriffen, während ich mich weinend wehrte“, schrieb eine Frau nach der Siegesfeier im Kurznachrichtendienst Twitter.

Die #MeToo-Bewegung hatte solche Bekenntnisse auch in Frankreich möglich gemacht. Dort, wo Belästigung jahrhundertelang als Kavaliersdelikt angesehen wurde, begannen die Frauen nach dem Weinstein-Skandal aufzubegehren. Zehntausende meldeten sich zu Wort, um sexuelle Übergriffe zu schildern. Doch nicht alle Französinnen waren über diese neue Offenheit glücklich. So veröffentlichte die Schauspielerin Catherine Deneuve zusammen mit rund 100 anderen Frauen im Januar einen Gastbeitrag in der Zeitung „Le Monde“. „Hartnäckige oder ungeschickte Flirterei ist kein Delikt“, heißt es darin.

„Eine Frau kann darauf achten, dass ihr Gehalt so hoch ist wie das eines Mannes, sich aber nicht durch einen Mann traumatisiert fühlen, der sich in der Metro an ihr reibt“, schreiben die Unterzeichnerinnen in dem Text, der einen Aufschrei der Empörung auslöste.

Dass die Haltung der Diva nicht mehr mehrheitsfähig ist, zeigt die Reaktion auf das Video von Marie. Rund zwei Millionen Mal wurden die Bilder mit den Gewaltszenen bereits angesehen. „Die Männer, die sich alles auf der Straße erlauben, sind nicht mehr hinnehmbar“, schreibt die Studentin auf ihrer Facebook-Seite. „Es ist Zeit, dass diese Art Verhalten aufhört.“

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