Forscher warnt: Das passiert, wenn die Insekten verschwinden

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 Josef Settele Professor Josef Settele (58) koordiniert als Ko-Vorsitzender eine Bestandsaufnahme, wie es Tieren und Pflanzen we
Josef Settele Professor Josef Settele (58) koordiniert als Ko-Vorsitzender eine Bestandsaufnahme, wie es Tieren und Pflanzen weltweit geht. Der in Marktoberdorf im Ostallgäu geborene Agrarwissenschaftler mit Spezialgebiet Insektenforschung ist einer der wichtigsten Ökologen weltweit. (Foto: Sebastian Wiedling)
Hanna Gersmann

„Wir verlieren einen großen Teil der Natur“, sagt Insektenforscher Josef Settele und erklärt im Gespräch mit Hanna Gersmann, was das für die Zukunft des Menschen und das Honigbrötchen heißt. Settele hat die Bestandsaufnahme zur biologischen Vielfalt weltweit koordiniert, die Experten der rund 130 Mitgliedstaaten des Weltbiodiversitätsrates aktuell in Paris beraten. Dieser Bericht zum Zustand der Natur des Weltbiodiversitätsarates IPBES wird am 6. Mai veröffentlicht.

Professor Settele, die britische Zeitung „Guardian“ schrieb vor kurzem zum Massensterben der Insekten, das sei nur der Anfang – „wenn sie gehen, gehen wir.“ Stimmt das?

Die Insekten werden nie gehen. Die Mücken zum Beispiel werden durchkommen. Sie könnten mehr werden, wenn die Vögel schwinden, die die Mücken fressen. Allerdings gibt es auch noch die Fische, für die die Mückenlarven Nahrung sind. Das sind natürlich alles komplexe Systeme. Aber immer wenn die Gegenspieler ausfallen, geht es anderen besser – Schädlingen zum Beispiel.

Welche Plagen meinen Sie?

Die meisten Menschen ernähren sich von Reis. Auf den Feldern tritt die braune Reiszikade massenhaft auf, wenn die Bauern zuvor viele Insektizide spritzen. Das hört sich paradox an. Aber sie hält dem Gift besser stand als ihre Gegenspieler, das sind Libellen, Spinnen oder auch Wanzen. Also sterben die zuerst – und die Zikade vermehrt sich prächtig. Und die ist zwar nur wenige Millimeter groß, sorgt aber für immense Schäden. Die Reispflanzen bleiben mickrig, sie werden braun, sie sterben ab. Die Gegenspieler kommen zwar irgendwann auch wieder, aber sie kommen zu spät, um den Landwirt von Ernteverlusten zu verschonen.

Welche Entwicklungen sehen Sie nach drei Jahren Arbeit an der größten Bestandsaufnahme zum Zustand der Natur?

Was wir derzeit erleben, schlägt sich nicht alles in Ernteausfällen, in monetären Verlusten, nieder. Aber wir verlieren einen großen Teil der Natur. Der Artenschwund ist nach den neuen Daten nicht gestoppt, er hat sich zum Teil sogar beschleunigt. Zum Teil leiden ganze Ökosysteme. Tropische Regenwälder etwa am Amazonas, in denen unzählige Tierarten leben, werden abgeholzt. In der Taiga in Sibirien oder der Mongolei, auch in der baum- und strauchlosen arktischen Tundra tauen mit dem Klimawandel nach und nach ganze Regionen auf.

Und in Europa?

Da verlieren wir – wenn man so will – die Motive des Landschaftsmalers der Romantik, Caspar David Friedrich. Anders gesagt: die reich strukturierten Kulturlandschaften. Die Wacholderheiden auf der Schwäbischen Alb schrumpfen, auch in der Lüneburger Heide. Früher zogen durch diese Regionen Schafe, Ziegen, auch mal Rinder. Das gibt es heute kaum noch. So können dort Fichten, Kiefern, Schlehen ungehindert wachsen. Die nehmen vielen seltenen Pflanzen das Licht. Die Menschen merken das, die Heimat ist nicht mehr so wie sie war. Das ist ein Verlust.

Das ist das einzige Problem?

Auf keinen Fall, wir geben auch die Versicherung für die Zukunft auf, wenn wir den Artenverlust nicht stoppen. Wir wissen nicht, ob wir noch eine Art besonders brauchen werden, weil sie zum Beispiel Obst- oder Gemüsepflanzen bestäuben kann und einspringen muss, weil andere Arten durch den Klimawandel, Parasiten oder Ackergifte ausfallen. Vielfalt ist immer hilfreich.

Was würde es für die Ernährung bedeuten, wenn die Bestäubungsarbeit von Bienen und Hummeln wegfällt?

Schon das Frühstück wäre deutlich übersichtlicher, es gäbe natürlich kein Honigbrötchen, aber auch keines mit Erdbeermarmelade. Tomaten wären weg wie auch die Haselnusscreme. Außerdem säßen wir auch nicht im Baumwollhemd, sondern in Kleidung aus Synthetikfasern am Tisch.

Mal ehrlich, wie zuverlässig sind die Zahlen, die Auskunft darüber geben,wie viele Insekten es gibt?

Nashörner, Elefanten, die anderen großen Tiere – im Vergleich dazu wissen wir über Insekten bisher wenig. Das stimmt. Aber wir schätzen, dass es acht bis zehn Millionen Pflanzen- und Tierarten – da sind die Mikroorganismen nicht dabei – auf der Erde gibt. Davon sind fünf bis sechs Millionen Insekten. Und wir haben Rückgänge bei allen Artengruppen, nicht nur bei Säugetieren und Vögeln, sondern auch bei den Sechsbeinern. Das ist sicher. In Deutschland stehen zum Beispiel etwa 40 Prozent der 550 Wildbienenarten auf der Roten Liste bedrohter Tier- und Pflanzenarten, bei Schmetterlingen ist es sogar die Hälfte aller Arten

Gab es auch schon früher, heißt es bei der Erderwärmung immer wieder. Was entgegen Sie, wenn jemand sagt: Die Dinosaurier sind auch ausgestorben?

Das ist alles richtig, die Erde hat schon viele Auf und Abs erlebt. Es ist okay, dass Arten kommen und gehen, dass sie sich entwickeln und anpassen. Doch bis die Dinosaurier ausgestorben sind, hat es Zehntausende Jahre gedauert. Die Verluste, die es jetzt gibt, ereignen sich in viel kürzeren Zeiträumen, wir sprechen von Jahrzehnten.

Ein Tipp, was jeder tun kann?

Der englische Rasen ist nicht das Beste für die biologische Vielfalt, im Gegenteil. Neben einer kleinen Rasenfläche habe ich daher auch eine Wiese, die ich ein oder zweimal im Jahr mit der Sense mähe. Dazu gibt es eine Art Hügel, der locker bepflanzt ist, damit im offenen Boden Wildbienen brüten können.

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