Flüchtlinge: Ohne Arbeit keine Zukunft

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Jasmin Khalaf Murad in Mam Rashan. Der 44-Jährige freut sich über die Hilfe aus Deutschland und hofft, bald Arbeit zu finden.
Jasmin Khalaf Murad in Mam Rashan. Der 44-Jährige freut sich über die Hilfe aus Deutschland und hofft, bald Arbeit zu finden. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Jasmin Khalaf Murad ist jemand, der auf sein Äußeres achtet. Er trägt einen gepflegten schwarzen Schnurrbart, der Haarkranz scheint frisch geschnitten, die Kleidung wirkt städtisch, hinter all dem würden Beobachter einen Mann im Angestelltenverhältnis wähnen. Umso überraschender antwortet der 44-Jährige via Bildschirm im Skype-Interview auf die Frage nach seiner früheren Tätigkeit: „Ich war Tagelöhner.“ Ein Tagelöhner in der Landwirtschaft, der damit sich selbst, neun Kinder und die Ehefrau ernähren konnte.

Was für uns abenteuerlich klingen mag, war für jene Jesiden, die vor dem „Islamischen Staat“ (IS) aus dem Shingal-Gebirge geflohen sind, ganz normal. Die Menschen haben ein einfaches und von der Landwirtschaft geprägtes Leben geführt. Manche besaßen eigene Felder, andere arbeiteten als Lohnarbeiter, für alle aber gab es ein ausreichendes Auskommen. Dann kam die Terrormiliz, umstellte das Gebirge, die Dörfer wurden überrannt, Männer ermordet, Frauen versklavt. Wer rechtzeitig fliehen konnte, oft ohne Wasser und die Todesangst als ständigen Begleiter, rettete sich über die syrische Grenze bis in den Nordirak. Nun lebt Murad im Flüchtlingscamp Mam Rashan – und steht vor dem Nichts.

„Stellen Sie sich einen Vater vor, der neun Kinder hat und keine Arbeit“, klagt er. Eine Lage, die den Alltag und die Seele belastet. „Es ist deprimierend“, sagt Murad. „Ich habe nichts zu tun. Also gehe ich vom Container, in dem wir wohnen, zum Tor des Camps und dann wieder nach Hause zurück. Ich gehe spazieren – ohne Ziel.“ Und wer ziellos ist, verliert sich irgendwann: „Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Es geht mir schlecht.“

Kein Mann, keine Einnahmen

So schlecht, wie es vielen anderen Flüchtlingen auch geht, weil sie keine Arbeit finden. Eine 30-jährige Frau mit vier Kindern, deren Mann vom IS getötet wurde, klagt: „Ich bin in dem Camp sehr froh. Die Campleitung und die humanitären Organisationen geben sich Mühe, uns optimal zu versorgen. Aber das reicht leider nicht. Ich bin eine alleinstehende Frau, ich habe keinen Mann zu Hause. Daher habe ich auch keine Einnahmen, kein Gehalt. Das Thema Arbeitsplatz und Einnahmen ist uns sehr wichtig.“

Dazu kommt die Erkenntnis, das alte Leben auf lange Sicht verloren zu haben: „Was uns traurig macht, dass wir in absehbarer Zeit nicht wieder nach Shingal zurückkehren können, weil dort die Infrastruktur nicht mehr vorhanden ist.“ Kürzlich erst sei eine Familie zurückgegangen und durch eine Mine ums Leben gekommen. Auch die politische Lage ermögliche keine sichere Heimkehr.

Die Menschen müssen sich also darauf einrichten, wohl noch Jahre in Mam Rashan zu bleiben. Und – das ist die gute Nachricht – das tun sie auch Stück für Stück. So stellt eine Frau zufrieden fest: „Einige haben eine Tätigkeit und ein Gehalt – seitdem ist die Lage wesentlich besser geworden.“ So arbeiten manche beim Militär, den Peschmerga, andere, wenige, finden eine Anstellung beim Staat. Oder sie arbeiten als Wächter im Camp, als Straßenreiniger oder in der Verwaltung. Natürlich kann die Campleitung nur eine begrenzte Zahl an Leuten beschäftigen. Doch hier kommen die Spenden der Leser der „Schwäbischen Zeitung“ ins Spiel. Mit ihnen wurde schon eine Handwerkerstraße errichtet, eine Bäckerei, inzwischen gibt es auch Nähmaschinen. Schon bald sollen Gewächshäuser entstehen, die trotz des steinigen Bodens Landwirtschaft ermöglichen. Es wird noch viele solcher Projekte brauchen, um alle Arbeitssuchenden zu beschäftigen, was so wichtig ist für ihre physische, aber auch für ihre psychische Existenz. Ein hoffnungsvoller Anfang aber ist gemacht.

Übrigens auch für Murad. Er bedankt sich im Interview für die Hilfe aus Deutschland, für Taschen und Kleidung für die Kinder und dafür, dass mit den Spenden auch Transportkosten gedeckt werden, damit sein Nachwuchs Schulen und sogar die Universität besuchen kann. Bei ihm ist die Erkenntnis gewachsen, dass sich künftig nicht mehr von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag leben lässt. Er sagt: „Solange ich am Leben bin, selbst wenn ich meinen Körper für meine Kinder opfere, werde ich helfen, damit meine Kinder ihre Schulbildung beenden.“

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