Feuerwehr in der Kritik: Viele Tote im Grenfell-Tower vermeidbar

Lesedauer: 4 Min
72 Menschen starben bei der Brandkatastrophe im Londoner Grenfell Tower im Juni 2017. Jetzt wies eine Kommission der Feuerwehr s
72 Menschen starben bei der Brandkatastrophe im Londoner Grenfell Tower im Juni 2017. Jetzt wies eine Kommission der Feuerwehr schwere Fehler nach. (Foto: AFP)
Sebastian Borger

Nach hitzigem Streit über die bevorstehende Wahl und den Brexit verstummte das Unterhaus am Mittwoch kurzzeitig. Gemeinsam gedachten die Abgeordneten der Opfer des schwersten Brandes in Großbritannien seit dem Zweiten Weltkrieg. Zweieinhalb Jahre nach der Brandkatastrophe im Londoner Grenfell-Tower mit 72 Toten und zahlreichen Obdachlosen kommt der offizielle Untersuchungsbericht zu dem schockierenden Schluss: Die Feuerwehr hätte durch beherzteres Eingreifen mehr Menschen retten können aus dem 24-stöckigen Wohnblock, dessen nachträglich angebrachte Isolierungsmatten als Brandbeschleuniger wirkten. Die Regierung werde sämtliche Empfehlungen der Kommission rasch umsetzen, beteuerte Premierminister Boris Johnson.

In der Nacht zum 14. Juni 2017 geriet im vierten Stock des Wohnblocks ein Kühlschrank in Brand. Durch das gekippte Küchenfenster schlugen die Flammen nach Draussen. Eine erst ein Jahr zuvor an dem 24-stöckigen Gebäude angebrachte Verkleidung aus Polyäthylen und Aluminium fing Feuer und wirkte als Brandbeschleuniger. Binnen weniger Minuten stand das gesamte Gebäude in Flammen.

Die unabhängige Kommission unter Leitung des pensionierten Richters am Appellationsgericht, Martin Moore-Bick, kommt zu dem schockierenden Schluss: Das Material entsprach nicht den geltenden Brandschutzvorschriften im Vereinigten Königreich.

Reichlich Kritik hält der 935-seitige Bericht jedoch auch für die Londoner Feuerwehr bereit. „Viele Menschenleben“ hätten gerettet werden können, so Moore-Bick, wenn die Rettungskräfte in der Brandnacht nicht die bewährte Parole ausgegeben hätten: ,Bleiben Sie in der Wohnung und warten Sie auf Hilfe.’

Erst knapp zwei Stunden nach dem ersten Alarm änderte die Einsatzleitung ihr Vorgehen und ordnete die Evakuierung des nicht mit Sprinklern ausgestatteten Gebäudes über das einzige Treppenhaus an. In heroischem Einsatz retteten Feuerwehrleute mit schwerem Atemschutz 67 Bewohner, viele andere schafften es ohne Hilfe. Doch Alte, Behinderte, Kinder sowie eine Reihe von Bewohnern, die ihre Familienmitglieder nicht zurücklassen mochten, kamen durch Rauch und Flammen ums Leben oder sprangen in den sicheren Tod.

Dass die Kommission einzelne Einsatzleiter und Teamchefs der Rettungsleitstelle kritisiert, findet Matt Wrack, den Boss der zuständigen Gewerkschaft FBU, „unfair und ungerecht“. Verantwortlich seien jene, die der Londoner Feuerwehr binnen zehn Jahren Einsparungen von 100 Millionen Pfund (116 Mio Euro) aufgezwungen hatten. Zu ihnen zählt der damalige Bürgermeister und heutige Premierminister Johnson. Ärgerlich finden viele Beteiligte auch, dass Moore-Bick ausdrücklich die Untersuchung „sozialer, wirtschaftlicher und politischer Fragen“ ablehnt.

Dabei hatten die Bewohner des Wohnturms jahrelang auf Baumängel hingewiesen, das Fehlen von Sprinklern beklagt – lediglich zwei Prozent aller Sozialwohnungsblocks in England sind damit ausgerüstet – , den Mangel an Fluchtwegen angeprangert. Doch die zuständige Bezirksregierung ignorierte alle Warnungen.

Der Feuerwehr hat geschadet, dass die Londoner Kommandantin Dany Cotton bei ihrer Anhörung vor der Kommission arrogant auftrat. Auf die Frage nach Konsequenzen sagte die Spitzenbeamtin damals: „Ich würde genauso wieder handeln.“ Diese „unsensible“ (Moore-Bick) Äußerung sorgte am Mittwoch für Rücktrittsdrohungen durch Aktivisten, welche die früheren Grenfell-Bewohner vertreten.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen