Familie unter Verdacht - Maxim Billers „Sechs Koffer“

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Maxim Biller
Der Autor Maxim Biller . (Foto: Gregor Fischer / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Sibylle Peine

Maxim Biller (58) ist ein Meister der Kurzform. Das hat er schon früher mit seinen Veröffentlichungen bewiesen. Dagegen war sein weitschweifiger 900 Seiten-Wälzer „Biografie“ vor zweieinhalb Jahren eher ein Flop, das Echo darauf war zumindest meist sehr kritisch.

Jetzt ist Biller, der streitbare Autor und unbequeme Feuilletonist, zu dem Format zurückgekehrt, das ihm mehr liegt. Sein neuer Roman „Sechs Koffer“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, umfasst nicht einmal 200 Seiten. Die aber haben es in sich.

Biller erzählt von seiner jüdisch-russischen Familie und einem düsteren Geheimnis, das diese umgibt und durch die Generationen weitergetragen wird. 1960 wurde Großvater Schmil, genannt Tate, in der Sowjetunion verraten, verhaftet und wegen angeblicher Wirtschaftsdelikte nach einem Schauprozess hingerichtet.

Unter Verdacht steht die eigene Familie. Welches Familienmitglied hat den Großvater damals verraten? In sechs Kapiteln umkreist der Autor dieses Geheimnis, indem er sich den verschiedenen Personen annähert. Alle haben sich auf die eine oder andere Art verdächtig verhalten, bei der Frage möglicher Schuld kommt es jedoch immer auch auf den Blickwinkel und die Lesart an.

Und den verändert Biller im Laufe der Erzählung. Zunächst schildert er die Geschichte aus Sicht des Ich-Erzählers, eines kleinen Jungen, der die Verstrickungen in seiner Familie, speziell auch die Rolle seiner Eltern, mit kindlicher Neugier zu entwirren versucht.

Der Junge (also er selbst) wird größer und ist dann ein 15-jähriger Teenager. Pubertäre Sexfantasien sind für ihn nun ebenso wichtig wie die Aufdeckung der Familiengeheimnisse. In einem anderen Kapitel schildert Tante Natalia in einem Brief ihre Sicht der Dinge. Und im letzten Kapitel schließlich steht Schwester Jelena im Mittelpunkt des Geschehens, die ihre ganz eigene Familiengeschichte in einem Buch zusammenfasst.

Verdächtig ist zunächst einmal Onkel Dima. Er wurde bei einem Fluchtversuch aus Prag geschnappt und verbrachte Jahre im Gefängnis. Wurde er, ein eher weicher und schwacher Mensch, dort zum Spitzel gedungen? Oder war es die schöne Tante Natalia, Dimas Frau, eine Filmregisseurin, die eigentlich den Vater des Erzählers liebt und die ihren Mann mit seinen Gefängnisakten erpresst? Und was ist mit Onkel Lev? Warum spricht er seit Jahren nicht mehr mit dem Rest der Familie?

Biller jongliert geschickt mit den einzelnen Bällen, deutet an, hält in der Schwebe, greift den Faden an anderer Stelle wieder auf und hält so gekonnt die Spannung aufrecht. Elegant und ohne die in seinem letzten Buch so nervenden Manierismen führt er uns ganz nebenbei durch ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte und rollt das Leben einer jüdischen Familie zwischen Moskau und Prag, Berlin und Zürich auf. Und nicht zuletzt stellt er die ewig gültigen Fragen nach Verrat und Loyalität, Schuld und Verantwortung.

- Maxim Biller: Sechs Koffer, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 208 Seiten, 19,00 Euro, ISBN 978-3-462-05086-8.

"Sechs Koffer" bei Kiepeneheuer & Witsch

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