Familie ausgelöscht: „Kann keine gerechte Strafe geben“

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Mordprozess
Der Angeklagte und seine Anwältin im Gerichtssaal in Ansbach. (Foto: Nicolas Armer / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Herbert Mackert

Der Bruder und Onkel der Getöteten muss mehrmals innehalten, als er dem Gericht davon berichtet, wie er seine dreijährige Nichte Anastasia in ihrem Bett hochhob und versuchte, sie wiederzubeleben. Doch eine Rettung war nicht mehr möglich.

Mutmaßlich ihr eigener Vater hatte ihr den Hals durchgeschnitten. Zum Schutz seiner Schwester und der Kinder hatte er in der Nacht vom 25. auf den 26. Juni 2018 in der Wohnung im mittelfränkischen Gunzenhausen übernachtet. Sie hatte den Entschluss gefasst, sich von dem immer wieder gewalttätigen Mann zu trennen. Nach den letzten Übergriffen gegen die zwei Söhne hatte die Polizei ein Kontaktverbot gegen den 31-Jährigen ausgesprochen. Doch ihm gelingt dennoch der Zutritt zur Wohnung. Unter dem Vorwand, seine Wäsche und ein Ladekabel in Empfang nehmen zu wollen, lockt er seinen Schwager mit WhatsApp-Kurznachrichten aus dem Haus.

Während dieser unten am Hauseingang des Mehrfamilienhauses wartet, öffnet der 31-Jährige laut Anklage mit einem Zweitschlüssel die Wohnung. Und ersticht dort nacheinander erst seine sieben und neun Jahre alten Jungen, dann seine dreijährige Tochter und die 29-jährige Frau.

Als der Schwager einen dumpfen Knall hört und nach oben in die Wohnung stürmt, entdeckt er als erste seine Schwester in ihrem Blut liegen - und sieht, wie sich der Schwager vom Balkon im dritten Obergeschoss stürzt.

Den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Ansbach betritt der angeklagte Vater am Dienstag mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze. Sechs Spezialeinsatzkräfte der Polizei eskortieren ihn. Den Prozess verfolgt er emotions-, aber nicht teilnahmslos. Aufmerksam hört der Maschinen- und Anlagenführer die Zeugenvernehmungen und macht sich Notizen. Über seine Anwältin lässt er mitteilen, dass er sich zunächst nicht äußern wolle.

Dabei hofft der Nebenkläger Torsten Schütz, der die Eltern der Getöteten als Nebenkläger vertritt, auf eine Erklärung, damit seine Mandanten „das Unfassbare irgendwann verarbeiten können“. In ihrem Namen fordert er auch Schmerzensgeld, dessen Höhe er in das Ermessen des Gerichts stellt. „Aber kein Geld der Welt kann kompensieren, was hier an Leid und Schmerz ausgelöst worden ist.“

Der Bruder der Getöteten sagt weiter vor Gericht aus, seine Eltern könnten seit der Tat nicht mehr in den Alltag zurückkehren. Psychologische Therapien und Begleitung hätten sie bisher abgelehnt. „Wir wollten zunächst den Prozess abwarten und hoffen auf eine gerechte Strafe. Aber die kann es nicht geben.“

Vor Gericht zeichnet er das Bild eines gewalttätigen Familientyrannen, der seine Schwester immer wieder aufs Übelste beleidigt habe und bei jeder Kleinigkeit ausgerastet sei. „Das hat sich über die Jahre nicht gebessert. Wie haben ihn belehrt, er soll damit aufhören. Aber er hat uns alle manipuliert und belogen.“ Seine Schwester habe Angst gehabt wegzugehen, weil drei Kinder da waren. „Sie hatte Angst, das allein zu bestreiten“, so der Bruder. Offenbar habe sie schon länger in extremer Angst gelebt. Schon einmal habe der Angeklagte ihr damit gedroht, dass er den Kindern etwas antue, wenn sie ihn verlasse. Das Urteil soll am 15. Mai gesprochen werden.

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