Ernst Hutter im Interview: Warum Blasmusik auch bei jungen Menschen wieder cool ist

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Schwäbische Zeitung

Als Ernst Mosch am 15. Mai 1999 starb, hatte der Gründer der Original Egerländer Musikanten mehr als tausend Konzerte gegeben und galt mit 40 Millionen verkauften Tonträgern als König der Blasmusik. 20 Jahre danach ist die Begeisterung der Fans ungebrochen und Ernst Hutter führt das musikalische Erbe seines Mentors, der in Zwodau im Sudetenland (heute Svatava in Tschechien) geboren wurde, weiter. Im Gespräch mit Daniel Drescher erzählt der 61-Jährige, der in Opfenbach bei Lindau geboren wurde und heute inWangen lebt, was ihn an Mosch fasziniert, was den Klang der Egerländer ausmacht – und woher der Blasmusik-Boom kommt.

Erinnern Sie sich, wie Sie Ernst Mosch kennengelernt haben?

Ja natürlich, das werde ich nie vergessen, weil es für mich ein menschlich wie beruflich wichtiges Erlebnis war. Ernst Mosch war in meiner Jugend eines meiner musikalischen Idole. Einige seiner Kollegen aus dem Orchester kannte ich schon von meiner Zeit bei Erwin Lehn (Dirigent des Tanzorchesters des Süddeutschen Rundfunks, in dem Ernst Hutter als Posaunist spielte – Anm. d. Red). Mosch wollte, dass ich bei einer CD-Produktion mitspiele. Dann fiel aber vorher bei einer TV-Sendung ein Musiker aus und Ernst Mosch buchte mich kurzfristig als Ersatzmann. Da sind wir uns dann das erste Mal begegnet. Damals war ich knapp 27 Jahre alt und etwas nervös. Kennengelernt habe ich die Person Ernst Mosch aber erst in den Jahren danach.

Was hat Ernst Mosch ausgezeichnet? Was war das Wichtigste, was Sie von ihm gelernt haben?

Sein Ruf eilte ihm voraus, und ich sah die Erzählungen der Orchesterkollegen bestätigt: Er war ein sehr konsequenter Bandleader, nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch personell. Er hat sehr viel verlangt, man hat gespürt, wenn man bei ihm spielt, fordert er nicht nur Leistung, sondern auch eine Loyalität zur Musik und zu ihm persönlich.

Musikalisch gesehen – wo war Ernst Mosch zeitlos, wo prägt er den Sound der Egerländer heute noch und wo haben sie behutsam modernisiert?

Ernst Mosch war nie auf den Egerländer-Stil festgelegt, er war als professioneller Posaunist und auch als Big-Band-Musiker sowie als Swing- und Jazzkünstler für mich eine große Nummer. In der musikalischen Arbeit mit ihm habe ich erfahren, woher die Egerländer ihren charakteristischen Klang hatten: Die Musik war immer sehr modern geprägt von der Rhythmik und von der Phrasierung her. Der Klang orientierte sich stark am Big-Band-Spiel, sehr auf den Punkt gespielt. Das hat mich fasziniert und motiviert, die Musik, wie ich sie 14 Jahre lang gemeinsam mit Ernst Mosch gemacht habe und wie wir sie fortführen, zu analysieren. Wie wird intoniert, wie sind Arrangements aufgebaut, wie ist das Timing? Mosch hat ständig an seiner Musik gefeilt. Das habe ich nach seinem Tod konsequent weitergeführt, in einer anderen Zeit mit Musikern, die heute noch mehr Flexibilität besitzen.

Was erwartet die Zuschauer beim Sonderprogramm anlässlich seines 20. Todestags?

Wir wollen unseren ehemaligen Chef zu diesem Todesjahr auf eine besondere Art und Weise ehren. Deswegen spielen wir in der Zeit nach seinem Todestag acht Konzerte unter dem Motto „Memory Ernst Mosch“. Den Abschluss bildet unser Auftritt auf der Freilichtbühne in Altusried am 24. August. Das ist unser eigenes Open Air, zu dem viele Fans aus ganz Deutschland und den benachbarten Ländern anreisen, weil immer ein besonderes Programm gespielt wird. Wir wollen musikalisch an ihn erinnern, aber auch die Verbindung zu mir herausstellen und ausschließlich Kompositionen von Ernst Mosch und mir spielen. Ich hatte ihm in der Vergangenheit auch bereits Stücke gewidmet, so etwa zum zehnten Todestag, und solche Dinge werden eben auch ins Programm einfließen.

In den 1990er-Jahren galt Blasmusik als verstaubt und spießig. Inzwischen sind volkstümliche Blechklänge cool und trendig. Woher kommt das Interesse junger Menschen, die nicht nur zuhören, sondern auch selbst musizieren?

Seit ich als junger Musiker bei Ernst Mosch und gleichzeitig bei der Big Band spielte, habe ich immer darauf hingewiesen, dass geblasene Musik musikalisch vielseitig sein kann. In der öffentlichen Meinung wird unter dem Begriff „Blasmusik“ meist Laienmusik verstanden, die Musik, die man von Dorfkapellen oder vom Bierfest her kennt. Aber ein Bläserensemble der Münchner Philharmoniker z.B. spielt auch Blasmusik. Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre war Ernst Mosch in den Charts vor Abba und vor The Beatles. Damals war seine Musik populäre Musik – Popmusik. Und als dann Popmusik aus den USA und England bei uns so populär wurde, überwiegend mit Instrumenten, die nicht geblasen wurden, bekam Blasmusik ein verstaubtes Image. Heute, nach langen Jahren Pop- und Rockmusik, entdeckt die Jugend wieder die schönen Klänge von Bläsern, in traditioneller oder auch in sinfonischer Form.

Was war der Wendepunkt?

Ich war immer ein Grenzgänger zwischen Jazz, Big Band und professioneller Blasmusik. Wie eben schon erwähnt, hat die sogenannte Pop- und Rockmusik mit den Jahren ebenfalls eine Veränderung erfahren. Bläsersounds, die einstmals nur noch elektronisch in gesampelter Form benützt wurden, sind mittlerweile wieder echt zu hören. Auch wir haben mit den Original Egerländern, dem erfolgreichsten Blasmusikorchester der Welt, begonnen, in unser Repertoire neue Klänge einzubauen. Wir haben swingende Arrangements geschrieben und Rhythmen und Harmonien genutzt, die auch wirklich in einer Big Band gespielt werden. Mit dem Stilmittel des „Crossover“ haben junge Bläser immer stärker den Mut gefunden, moderne Formen von Musik mit geblasenen Instrumenten zu spielen. So haben beispielsweise Moop Mama, bei denen mein Sohn Martin dabei ist, Hip-Hop als Einfluss in ihren Brass-Sound integriert. Bläserbands wie Mnozil Brass mischen in ihren Konzerten alle möglichen Arten von Stilmitteln. Auf diese Entwicklung habe ich immer gewartet und ich liebe nicht nur meine Musik mit den Egerländern, sondern diese Vielfalt in der Blasmusik.

Sie nutzen Facebook und YouTube stark, haben im April mit dem Clip zur „Wachtel-Polka“ sogar die Millionenmarke geknackt. Welche Rolle spielen soziale Medien für den neuen Boom?

Soziale Medien sind für uns wie in vielen anderen Bereichen auch ein wichtiges Verbreitungsmedium. Auf YouTube kann man sich tagelang mit der Geschichte von Ernst Mosch beschäftigen. Junge Leute, die sich für die Musik interessieren, können sich so mit der Vergangenheit auseinandersetzen und diesen Wissensschatz nutzen. Dadurch rückt das Gute, was in dieser Musik und der Geschichte der Original Egerländer steckt, wieder in das Bewusstsein.

Blasmusik wird gern unter dem Etikett Volksmusik zusammengefasst – und auch gern belächelt. Wie gehen Sie damit um? Trifft Sie das?

Ja, mich trifft es, wenn ich bemerke, dass man sich nicht wirklich mit der Sache befasst. Wir werden oft in falsche Kategorien einsortiert. Wir leben in einer Zeit, in der alles in Schubladen eingeteilt wird. In unserem Fall würde ich jemandem, der unsere Musik geringschätzt, sagen: Sie finden also, dass man eine 60-jährige Erfolgsgeschichte geringschätzen muss. Musikgeschmack ist selbstverständlich eine individuelle Sache. Der eine geht zu Capital Bra in die Oberschwabenhalle, der andere zu den Egerländern.

Was für Musik hört Ernst Hutter privat?

Ich höre ganz unterschiedliche Musik. Ich höre und spiele selbst auch klassische Musik, Jazz und Big-Band-Musik, weil ich immer noch Mitglied der SWR-Big-Band bin. Was ich kritisch betrachte, ist zum Beispiel so was wie der bereits erwähnte Rapper Capital Bra. Das nicht so sehr wegen der Musik, sondern weil da oft Inhalte verbreitet werden, die ich nicht gutheiße. Ich liebe aber auch vieles in der Pop und Rockmusik, von AC/DC bis Herbert Grönemeyer. Für mich muss Musik Gefühle ansprechen, ein Künstler authentisch sein.

Wo sehen Sie die Egerländer in 20 Jahren?

Ich mache das jetzt fast schon 20 Jahre in der Nachfolge von Ernst Mosch. Unsere Konzerte sind erfolgreich, unsere Musik wird geschätzt. Wir haben sehr viele Musiker zwischen 26 und 34, und ich denke, dass diese in ein paar Jahren meine Nachfolge übernehmen und das Wissen und die Qualität mit Sicherheit erfolgreich in die Zukunft führen werden. Ich kenne mich im Musikbusiness ganz gut aus, von den modernen Strömungen bis zu den traditionellen Dingen, meine Söhne sind ja auch mittendrin. Von den modernen Brassensembles und deren meist jungen Musiker werden wir immer noch als Vorbilder gesehen. Darum bin ich mir sicher, dass wir eine gute Zukunft haben werden.Wir als Original Egerländer sehen es als unsere Aufgabe, das musikalische Vermächtnis von Ernst Mosch weiterzuführen, uns an seiner Arbeit zu orientieren.

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